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Samstag, 28 April 2018 17:07

Tagebuch eines Wachoffiziers, Teil II: Peters Café Sport



Mein erster Tag an Bord gestaltet sich bunt und ereignisreich. Nach dem Frühstück werde ich schnell von Klaus, dem Segelveteranen auf der Avontuur, in Beschlag genommen. Es gilt den Baum des Schonersegels zu ölen. Ich genieße dabei die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut, und atme tief die salzige Seeluft ein. Endlich wieder am Meer.

Nach dem Mittagessen haben wir frei, und gehen geschlossen zum berühmten Peters Café Sport, wo ich einige neue Gesichter kennenlerne: Aischa aus England, die sich als vorzügliche Köchin (bei jedem Wetter und Seegang), vor Allem von diversen Currygerichten und Fladenbrot herausstellen sollte. Benjamin aus Hamburg, der bereits seit dem Sommer als Decksmann an Bord ist und auch noch bis zur Rückkehr der Avontuur nach Deutschland bleiben möchte. Laurence, eine Decksfrau aus Frankreich, die immer an ihrem gelben Regenmantel erkennbar ist.

Und natürlich Michael, unser erfahrener Kapitän, von dem ich erst im Laufe der kommenden Wochen mehr erfahren sollte. In Peters Café Sport jedenfalls gibt er erst einmal eine Runde aus, was wir natürlich alle dankbar entgegennehmen.


petersbar

Angekommen im Peters Café Sport - Wände und Decken sind geschmückt mit Andenken segelnder Besucher 


Hintergrund: Peters Café Sport
Die Geschichte von Peters Café Sport, einer der berühmtesten Bars der Welt, reicht bis ins Jahr 1901 zurück. Das seit 1918 unter diesem Namen betriebene Restaurant ist ein traditioneller Treffpunkt für Seefahrer und Weltumsegler auf der Azoreninsel Fayal. Neben seinem berühmten Schokoladenkuchen, dem preiswerten Bier und seinem Gin-Tonic (sehr lecker!), hat es seit 1986 eine weitere Attraktion: Eines der bedeutendsten Museen für Kunsthandwerk aus Walknochen. Laut dem US-Magazin Newsweek ist Peters Café Sport eine der besten Bars der Welt. Als Seemann fühlt man sich hier auf jeden Fall sehr wohl, bekommt leckeres Essen, relativ günstige Preise und eine Extraportion Geschichte gratis oben drauf.


Kurios: Umweltschützer zwischen Walknochen

Unser Gastgeber José, der die Bar bereits in dritter Generation führt, bietet uns derweil eine Tour durch sein kleines Privatmuseum an. Wir bewegen uns also aus dem mit Flaggen und Bildern besuchender Segler behangenen Gastraum auf eine Tür hinter der Bar zu. Eine Treppe führt uns ins erste Obergeschoss und einen Raum, dessen Wände und Böden voll gestellt sind mit Glasvitrinen. In jeder einzelnen befinden sich zahlreiche, verzierte Walknochen. Filigran geschnitzt und monochrom eingefärbt. José lässt es sich nicht nehmen zu jeder Vitrine eine kleine Geschichte zu erzählen, während er den traditionellen Walfang auf den Azoren erklärt.

museum

Dieser ehemals so wichtige Wirtschaftszweig wurde auf den Inseln stets auf kleinen Ruderbooten durchgeführt, und war eine echte Knochenarbeit. Zahlreiche Walfänger kamen dabei ums Leben, aber er bescherte der Inselgruppe über viele Jahre einen bescheidenen Wohlstand. Der Tran war begehrtes Handelsgut, bis zum Einstellen des Walfangs. Auch das Schnitzen der harten Walknochen bescherte einigen fingerfertigen Künstlern ein Auskommen, Josés Großvater fing an die kleinen Kunstwerke zu sammeln. Heiligenbilder, Walfangmotive, die Gesichter von Josés Vorfahren, berühmte Segler, bekannte Segelschiffe... jede Vitrine hat sein Highlight, und Dank der spannenden Erklärungen des Besitzers wird die Welt des Walfangs für uns sehr lebendig.

Irgendwie kurios, dass niemand ihn auf die Brutalität dieser längst verbotenen Fangpraxis anspricht. Besonders da ich mit einer Gruppe von teilweise sehr engagierten Umwelt- und Tierschützern unterwegs bin. Vielleicht zeugt das aber einfach vom Taktgefühl meiner künftigen Segelkameraden, und vom Respekt vor einer längst vergangenen Epoche auf den Azoren.

 

Wanderung in der Dämmerung

Zurück im Gastraum gibt es noch ein Bier, dann löst sich die Gruppe langsam auf. Einige, mich eingeschlossen, gehen erst einmal zurück an Bord. Dort angekommen möchte ich dann aber doch noch etwas von der Insel sehen; ich beschließe mit dem zweiten Offizier Johannes und Bootsmann Jan auf eine kurze Wanderung zu gehen.


Ein Hügel, links am Stadtrand, verspricht eine schöne Aussicht über Meer und Insel zu geben. Wir machen uns langsam auf den Weg, Jan und Johannes Barfuß, ersterer zudem mit einem größeren Rucksack. Er hat nach einem halben Jahr an Bord nämlich genug von seiner Koje, und möchte die Nacht an Land verbringen. Im Freien versteht sich. Wir steigen eine kleine Treppe hinauf, vorbei an kleinen, verlassen wirkenden Häuschen. Danach beginnt das Dickicht, wo ein kaum erkennbarer Pfad uns nach oben führen soll. Im Gänsemarsch bewegen wir uns so durch die Dämmerung, während Jan zwischendurch einen Ausflug in den kleinen Dschungel macht, um nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten.

Plötzlich ist er dann weg, und da Rufen und Suchen nicht bringt, gehen Johannes und ich weiter zur Spitze des Hügels. Dort gelingt es uns dann auch Jan auszumachen, der seinen Platz gefunden hat. Wir beschließen für den Rückweg die andere Hangseite zu nutzen, was uns einen kleinen Abstecher zum Strand genehmigen würde. Dort angekommen ziehe ich auch meine Schuhe aus, und lasse den warmen, feuchten Sand meine Füße kitzeln.

Erst jetzt bin ich wirklich angekommen, lasse kurz das Rauschen des Meeres und die Kulisse des bereits in kühles Mondlicht getauchten Atlantik auf mich wirken. Nach einer kleinen Kletterpartie über Steine und Felsen sind wir am anderen Ende von Horta herausgekommen, und nutzen die Gelegenheit eine andere Bar auszuprobieren. Das Bier ist hier günstig, die Kundschaft lokal, die Aussicht aufs Meer perfekt. Auf dem Rückweg erfahre ich etwas mehr zum Bordalltag, und was mich später als Offizier auf der Avontuur erwarten könnte. Vor Allem, dass vieles anders ist, als auf gewöhnlichen Frachtschiffen.


Zurück an Bord landen wir mitten in einer ausgelassenen Party. Laute Musik, Bier, Tanz am Achterdeck. Nach der beschwerlichen Überfahrt von Kanada (Beaufort 10-11, tagelanges „Zickzackfahren“ den St-Lorenz-Strom hinauf, eiskalte Temperaturen und kein Warmwasser oder Heizung an Bord), nicht weiter verwunderlich dass einige nun etwas über die Stränge schlagen.

Die Offiziere behalten die Lage jedoch im Griff, sodass irgendwann in den frühen Morgenstunden alle sicher in ihren Kojen liegen und einem verkaterten Morgen entgegen träumen. Unserem letzten Tag auf festem Boden, von dem ihr im nächsten Tagebucheintrag mehr erfahren werdet: Nacktbaden im Atlantik


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