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Samstag, 07 April 2018 20:12

Tagebuch eines Wachoffiziers, Teil I: Sprung ins Blaue



Sprung ins Blaue: Von Franken auf die Azoren

Drei Jahre ist es her, seit ich das Letzte Mal als Kadett auf See war. Nun soll es erneut hinaus aufs Meer gehen, dieses Mal jedoch als Offizier. Seitdem ist viel passiert. Ich habe meine Ausbildung an der Seefahrtschule in Leer erfolgreich beendet, und darf nun alle Sieben Weltmeere offiziell unsicher machen, ich bin Vater geworden, und ich bin aus meiner Studentenheimat in Ostfriesland zurück in meine Geburtsregion Franken gezogen.

Der Abschied von dort fiel mir entsprechend schwer, musste ich doch meine kleine Tochter zurücklassen. Aber das ist eben das Leben eines Seemanns, den Moment weiter hinauszuschieben hätte wenig gebracht. Zudem hatte das Schicksal es wieder einmal gut mit mir gemeint, diese Chance schien zu gut um sie zu verpassen. Auf der Hanse Sail in Rostock war ich im Sommer 2016 zufällig auf die Avontuur gestoßen, und nach einem kurzen Gespräch mit dem charismatischen Kapitänseigner Cornelius Bockermann auch schnell in den Bann des Projektes geraten: Seefracht mit der Kraft des Windes transportieren, Rum und Kaffee von der Karibik nach Europa transportieren – das hörte sich ziemlich verlockend an. Im Herbst des darauffolgenden Jahres war dann die Zeit gekommen meine Premiere als Schiffsoffizier anzutreten, und nach einem erneuten Gespräch mit Cornelius (dieses Mal im Office der Reederei in Elsfleth) war schnell klar, dass ich diese an Bord der Avontuur fahren würde. Da ich jedoch über keine nennenswerte Segelerfahrung verfügte mit einer Einstiegsphase als Deckmann, um mit dem Schiff, dem Wind und den Segeln vertraut zu werden.

Abschied und Umstieg

Der Vertrag war schnell unterschrieben, die Koffer hastig gepackt, und wenig später stand schon der Abschied von Haus und Heim in Franken an. Er war schwerer als während meiner Studentenzeit, wo ich meine Singlewohnung und das zugehörige, ungebundene Leben sorglos zurücklassen konnte. Doch im Zug zum Flughafen nahm schnell die Aufregung und die Freude auf das spannende Neue überhand – zumal ich erfahren hatte dass Ben, der mir auf der Hanse Sail in Rostock eine Führung auf der Avontuur gegeben hatte, in Lissabon mit mir zusammentreffen würde. Nach einem Umstieg dort würden wir dann gemeinsam auf die Azoren fliegen, um unser neues, schwimmendes Zuhause zu besteigen.

800px Bahnhof Bayreuth 20120203

Bild vom Bahnsteig in Bayreuth, auf dem Weg nach Nürnberg


Nürnberg Hauptbahnhof, S1 zum Flughafen, Checkin. Puh, erst einmal durchatmen. Geplant war: Landung in Lissabon, nach einem Umstieg in Paris, gegen 1300 Uhr. Dann jedoch die Durchsage am Flughafen: Schneechaos in Paris, Füge gestrichen. Ein Ersatzflug über Amsterdam würde mir einen ungewollt langen Aufenthalt am dortigen Flughafen bescheren, und meine Ankunft in Portugal auf den späten Abend verschieben. Schade eigentlich, der geplante Stadtbummel war damit gestrichen. Andererseits gibt es schlimmere Flughäfen um zu stranden, und ich fand in Amsterdam auch schnell eine tropische Lounge-Area, wo ich die zähen Stunden des Wartens im Dämmerschlaf verbrachte. Wieder eine Durchsage: „Passengers for the Flight XXY to Lissabon, please proceed to gate 3F“. Endlich.

Bei der Zuteilung meines Sitzplatzes wähnte ich mich zunächst glücklich, hatte ich doch einen der geräumigeren Plätze am Notausstieg erwischt, zudem noch einen Fensterplatz. Die leichte Alkoholfahne meines Sitznachbarn belehrte mich jedoch schnell eines Besseren. Vergeblich versuchte ich die verrauchte Stimme, mit der er versuchte seine rechte Sitznachbarin in ein Gespräch zu verwickeln, auszublenden. Schnell war dann auch ich an der Reihe, als nächstes Ziel seiner Kontaktsuche. Er merkte zwar schnell dass auch ich wenig Interesse an seinen Monologen hatte – zumindest nehme ich das an, denn ich schaute angestrengt aus dem Fenster - doch hielt ihn das nicht davon ab, selbige fortzusetzen. Rauchverbot scheisse, er liebt es zu Trinken (Alkohol versteht sich, jedoch nur guten), hat eine portugiesische Frau, mag Land und Leute jedoch überhaupt nicht. Die Details konnte ich ausblenden. Als wir dann in Portugals Hauptstadt landeten war ich dann doch sehr erleichtert, und zwängte mich an meinem weiter monologisierendem Sitznachbarn vorbei in die angenehm warme Abendluft. Meine Winterjacke würde ich ab jetzt nicht mehr brauchen!
Dank des modernen U-Bahnsystems in Lissabon war ich, trotz der langen Flugverspätung, dann doch „schon“ am frühen Abend im Hotel.

Ben meldete sich dann auch schon, kurz nachdem ich es mir im Zimmer gemütlich gemacht hatte. Er war wohl in die falsche Richtung gelaufen, also ging ich ihm entgegen. Vorbei an Bettlern und auffällig geschminkten Damen (es war wohl keine der feineren Viertel der Stadt), durch das schummrige Licht der geschäftigen Straßen, trafen wir uns schließlich nach einigem hin- und her. Da es bereits spät war ließen wir den ursprünglichen Plan einer kleinen Kneipentour fallen, und nahmen stattdessen einige Bier mit aufs Zimmer. Ben ist bereits seit der berühmten Werftphase, dem Refit des zum Vergnügungsboot umgebauten Gaffelschoners zurück zum Frachtsegelschiff, Teil des Projektes. Das gab mir die Gelegenheit noch etwas mehr zur Entstehungsgeschichte von Timbercoast zu erfahren, und so fieberten wir gemeinsam unserem morgigen Einstieg auf die Weiße Dame entgegen.

 

Ausstieg und Einstieg

Noch vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg zum Flughafen – der Umwelt und unserem Geldbeutel zuliebe zu Fuß. Die gestern noch als so modern gelobte U-Bahn würde ihren Betrieb nämlich erst in einigen Stunden wieder aufnehmen, nach einer ausgedehnten Nachtruhe. Schweißgebadet, Dank unseres schweren Seemannsgepäcks das wir mit uns herumschleppten, erreichten wir schließlich den Flughafen – spät zwar, aber so ersparten wir uns das Warten in den überfüllten Hallen. Zügig ging es durch die diversen Kontrollen, bis wir schließlich im Flugzeug auf die Azoren saßen. Um uns herum: Fast ausschließlich Insulaner, in der Nebensaison verirren sich nicht besonders viele Touristen auf diese einsame Atlantikinsel.

Im Bordmagazin erfahre ich dann erstmals einige Details zur Insel: Sie ist vulkanischen Ursprungs, offensichtlich ziemlich grün, und neben dem Tourismus steht die Milchproduktion ganz weit oben auf der Liste der Einnahmequellen. Von Ben habe ich zudem erfahren, dass ich in Horta einen der wohl bekanntesten Seglertreffpunkte der Welt kennenlernen würde, die berühmt- berüchtigte Peters Bar. Beim Anflug auf die Insel herrscht dichter Nebel, aber in den freien Stücken blitzt uns saftiges grün und vereinzelte, gemütlich kauende Kühe entgegen.

björn ehrlich azoren

Bild von Björn Ehrlich, GFDL

So grün hatte ich es hier nicht erwartet! Beim Ausstieg ist die Luft, wie erwartet, warm und feucht. Nachdem wir unser Gepäck bekommen haben, beschließen wir ein Taxi zum Hafen zu nehmen. Der Fahrer spricht astreines Englisch, während der kurzen Fahrt bekommen wir gleichzeitig eine kurze Tour durch den kleinen Ort. Im Yachthafen angekommen haben wir die Avontuur längst erblickt, und schnell wird klar dass auch sie gerade erst angekommen sind. Wohl ungefähr zum selben Zeitpunkt, als wir gelandet sind. Zwischen den ganzen kleinen Yachten sieht sie ziemlich imposant aus, die Besatzung jedoch macht einen ziemlich mitgenommenen Eindruck.

Die Überfahrt von Kanada war ziemlich beschwerlich, und von schwerem Wetter gekennzeichnet. Trotzdem werden wir freudig empfangen, und sofort in die Einlaufprozesse eingebunden. Danach geht es ans Auspacken und Beziehen unserer Kammer. Wir sind beide im „Trainee-Bereich“ untergebracht. Dem Ort, wo hauptsächlich die zahlenden Mitsegler untergebracht sind. Zehn Personen auf nicht einmal 25 qm – das hört sich eng an, ist aber, auch Dank der hohen Decke, sehr angenehm. Die Stockbetten sind erstaunlich bequem, und auch Stauraum für Persönliches ist nicht zu knapp bemessen. Abends falle ich dann müde in die Koje, überwältigt von den vielen neuen Eindrücken und Gesichtern – und gespannt auf mein Segelabenteuer mit der Avontuur.

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avontuur horta

Die Avontuur bei meiner Ankunft in Horta - ein Sprung ins Blaue

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