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Samstag, 04 Februar 2017 12:45

SOS im Mittelmeer, Teil 1: Seenotrettung dort, wo Staaten versagen



Es ist Nacht, und ich sitze mit Clement auf der Reling unseres Rettungsschiffes Aquarius, neben dem Einstieg. Es herrscht beinahe totale Stille. Clement und ich sind als Freiwillige an Bord, um im Rahmen des Einsatzes von SOS Mediterranee und in Kooperation mit Ärzte ohne Grenzen, in Seenot geratene Flüchtlinge auf dem Weg über das Mittelmeer zu retten. Eine Aufgabe, die weder das von Bürgerkriegen zerrüttete Libyen, noch das vom erstarkenden Populismus geschwächte Europa übernehmen kann bzw. will.

Eine Stunde zuvor hatte ein Notruf der Funkzentrale in Italien unser Willkommens-BBQ abrupt beendet. Mit dem letzten Bissen Grillfleisch im Mund wurden die Tische hastig weggeräumt, das Feuer gelöscht, und die Rettung vorbereitet. Dieses Mal ist es ein Transfer, wir übernehmen also nur bereits Gerettete von einem anderen Boot. In diesem Fall werden es 48 Personen sein. Vorerst.


transfer

Bild des zweiten Transfers, hier brachte die Küstenwache die Menschen mit einer Art Gondeln an Bord. Sehr schön ist hier der große Höhenunterschied zwischen unserem Deck und der Wasseroberfläche sichtbar, den es für die Geretteten zu überbrücken gilt


Inzwischen ist es dunkel geworden, als ein Motorengeräusch neben unserer beinahe lautlos treibenden MV Aquarius hörbar wird. Ein Boot der italienischen Küstenwache macht an unserer Backbordseite fest, direkt unter der Lotsenleiter am Einstieg. Clement und ich sind bereit, um den teilweise stark entkräfteten Menschen beim Einstieg zu helfen.


Neben den lauten, auf italienisch kommunizierten Erläuterungen der in weissen Schutzanzügen arbeitenden Beamten der Küstenwache, bohrt sich ein weiteres Geräusch in mein Ohr. Es ist der Schrei eines Babys, nur wenige Monate alt. Mit läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Bilder meiner eigenen Tochter schießen mir in den Kopf, ich werde kurz von einer Welle unglaublicher Traurigkeit überflutet und kämpfe mit den Tränen. Wie verzweifelt müssen Menschen sein, um mit ihren kleinen Kindern diese lebensgefährliche Reise übers Mittelmeer anzutreten? Wie hoffnungslos müsste die Lage Zuhause sein, dass ich selbst ein solches Risiko für mein Kind in Kauf nehmen würde? Der Beginn des Transfers reißt mich schnell aus meinen Gedanken, ich muss mich darauf konzentrieren die Leute bei ihrem Einstieg an Bord ordentlich abzusischern. Viele sind schwach und müssen von Clement und mir mit an Bord gezogen werden.


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Unser zu diesem Zeitpunkt jüngster Gast an Bord der Aquarius. Seine aus der Dunkelheit des Meeres schallenden Schreie hallen mir auch Monate nach meinem Einsatz noch in den Ohren.


Am Ende des Transfers werden wir insgesamt 16 minderjährige an Bord der Aquarius gebracht haben, darunter sieben jünger als fünf. Im Laufe der Nacht werden wir weitere 252 Menschen von einem anderen Schiff übernehmen. Darunter weitere 95 Kinder. Um 02:00 Uhr falle ich schließlich völlig ermüdet ins Bett, während die MV Aquarius Kurs auf Sizilien nimmt, wo wir die Geretteten sicher an Land bringen werden. Währenddessen starten bereits die nächsten Boote mit Flüchtlingen von der libyschen Küste. Und sie wird deutlich stürmischere See erwarten, als die von uns geretteten.

Verzweifelte Menschen, die bereit sind ihr eigenes - und das Leben ihrer Kinder - zu riskieren, um einem unvorstellbarem Horror in ihrer Heimat und in Libyen zu entfliehen. Bei ihrer Ankunft auf Sizielien werden sie - quasi als Begrüßungsgeschenk - die im Cover dieses Artikels abgebildeten Schlappen erhalten. Um sie an Bord mit Schuhen auszustatten, reichen nämlich derzeit die finanziellen Mittel unserer Rettungsorganisation nicht aus.
Die weitere Zukunft ist für viele der Geretteten auch nach ihrer Ankunft in Europa unsicher. Alle sind jedoch froh Libyen entkommen zu sein, und - anders als viele ihrer Leidensgenossen - die Überfahrt nicht mit dem Leben bezahlt zu haben.


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Eine Familie aus dem ersten Transfer während meines Einsatzes auf der MV Aquarius. So gesund und munter waren die Geretteten jedoch nur in den seltensten Fällen. Rechts im Bild ist eine der Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen zu sehen, die sich vor allem um die ärztliche Versorgung an Bord des Rettungsschiffes kümmern, aber auch teilweise um Logistik und die zahleichen Wartungsarbeiten


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Lagebesprechung des Führungsteams auf der Brücke. Vorne am Fernsprechhörer der Kapitän, im Hintergrund die Koordinatoren des Teams von SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen


karte

Karte von sosmediterrane.org: Im gelb markierten Kreis, zwischen Libyen und Sizilien, ist die MV Aquarius unterwegs, um die aus dem Bürgerkriegsland flüchtenden Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten


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