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Samstag, 21 Januar 2017 15:03

8 Dinge, die man zur Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer wissen sollte

Bilder von SOS Mediterranee / Kevin McElvaney und Laurin Schmid



Seit dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei und der Abschottung der Balkanroute, bleibt vielen Menschen nur die Flucht über das Mittelmeer. Doch warum kommen sie überhaupt, wer kommt, und wie gefährlich ist diese Reise wirklich? 8 Fakten, die jeder zu diesem Thema kennen sollte.



1. 2016 war das bisher tödlichste Jahr auf dem Mittelmeer

Alleine im Januar 2016 sind, konservativen Schätzungen zufolge, 4.690 Männer, Frauen und Kinder bei dem Versuch gestorben, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Das sind bereits jetzt 1000 Tote mehr, als im gesamten Jahr 2015. Beinahe jeder 40. Flüchtling kam 2016 bei der Überfahrt von Libyen nach Italien ums Leben. Für das laufende Jahr sieht es derzeit etwas besser aus, abschließende Zahlen gibt es aber noch nicht.

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2. Männer, Frauen und Kinder werden in immer schlechtere Boote gezwängt

Prinzipiell gibt es zwei Arten von Booten, welche die Schlepper für die Überfahrt der Flüchtlinge organisieren: Schlauchboote und simple Holzboote.

Letztere bergen zwei große Gefahren in sich: Erstens eine desaströse Stabilität. Durch eine Überladung der oft schon halb verrotteten Boote, vor allem am Oberdeck, verlagert sich der Gewichtsschwerpunkt nach oben. Dies führt zu einer extrem schlechten Stabilität, die bei Massenpaniken an Bord (beispielsweise beim in Sicht kommen eines Rettungsbootes) zum Kentern führt. Zweitens besitzt die ungeschützt im Unterdeck laufende Maschine oft kein Abgasrohr, sodass zu dem chronischen Platzmangel auch noch die Gefahr von Abgasvergiftungen hinzukommt.

Auf Schlauchbooten sind alle Menschen ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt, was besonders in den kalten Wintermonaten dazu führt, dass viele Flüchtlinge an milden bis schweren Unterkühlungen leiden. Teilweise müssen Personen bewusstlos geborgen werden, auch Tote finden sich immer häufiger am Boden der Boote. Besonders gefährlich sind hier die immer billiger gefertigten Böden und Schläuche. Die Böden bestehen lediglich aus dünnen Spanplatten, die bereits bei relativ geringem Wellengang brechen. Zudem ist zu beobachten, dass die genutzte Materialdicke für die Schläuche beinahe kontinuierlich abnimmt. Dadurch sind sie viel anfälliger für Risse und Löcher, was den Untergang vieler Schlauchboote zur Folge hat.

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3. Zahlreiche Kinder machen sich alleine auf den Weg

16% der Überlebenden die in Italien ankommen, sind Kinder - 88% davon unbegleitet, also ohne Vater, Mutter oder Verwandte. Das Familienoberhaupt einer kleinen Familie, die von dem Rettungsschiff Aquarius gerettet wurde, war ein 10-jähriger Junge, der allein mit seinen Geschwistern unterwegs war. Einige davon so klein, dass sie noch Windeln trugen. 

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4. Viele der geretteten Frauen sind Schwanger - oft aus einer Vergewaltigung

Manche Kinder - teilweise gibt es sogar Geburten an Bord der Rettungsschiffe - sind gewollt. Ein Großteil der Schwangerschaften jedoch ist das Resultat aus oft mehrfachem sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung und Zwangsprostitution in Libyen oder während der Flucht. Beinahe jede der Geretteten war entweder Zeuge oder Opfer unglaublicher Misshandlungen. Neben den körperlichen Verletzungen sind es vor allem bei den Frauen auch psychische Traumata, die sie von ihrem Weg mitbringen.

Leider geht es für viele, besonders für allein reisende Frauen, in Europa genau so weiter. Internationale Menschenhändlerringe warten in Italien auf die Ankunft der jungen Frauen, die nicht selten in den zahlreichen legalen und illegalen Bordellen Europas landen.

An Bord der Rettungsschiffe die mit Ärzte ohne Grenzen betrieben werden, fährt auch deshalb immer eine Hebamme mit. Zur Betreuung der Frauen, zum Nachweis von Vergewaltigung und Schwangerschaft, und natürlich für die regelmäßig stattfindenden Geburten an Bord.


5. Rettungsschiffe sind keine Schlepper

Die an den Rettungen beteiligten Schiffe sind Arbeitsschiffe der Offshoreplattformen vor Libyen, internationale Handelsschiffe, Marineschiffe der EU, Schiffe der italienischen Küstenwache und nichtstaatliche Rettungsschiffe. Sie sind in einem unterschiedlichem Maße an der Seenotrettung beteiligt, eines haben sie jedoch alle gemein: Sie haben nichts mit den von der libyschen Küste aus operierenden Schleppern zu tun, und im Falle der Marine versuchen sie sogar diese zu bekämpfen.

Was die Mannschaften auf See leisten ist Seenotrettung, genau wie sie auch an anderen Küsten stattfindet - nur dass hier täglich hunderte Menschen in Seenot geraten, und inzwischen unzählige tausend Leichen auf dem Meeresgrund liegen.

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6. Europa ist bei weitem nicht das Hauptziel für Flüchtlinge

Laut UNHCR sucht der Großteil der Flüchtlinge Schutz oder Arbeit in ihrer Herkunftsregion. Die Hauptaufnahmeländer von Flüchtlingen sind deshalb die Türkei, Pakistan, der Libanon, der Iran, Äthiopien, Jordanien, Kenia, Uganda, die Demokratische Republik Kongo und der Tschad. Diese Länder alleine nehmen bereits 50% der weltweit vor Krieg und Hunger geflohenen Menschen auf. 

Auf Europa entfällt ein vergleichsweise geringer Prozentsatz, trotz unseres unverhältnismäßig größeren Aufnahmepotentials.


7. Libyen ist die Hölle, keiner verlässt das Land ohne Narben

Egal ob sie als Arbeiter schon vor Jahren nach Libyen gekommen sind, oder ob sie erst vor kurzem als Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, oder Westafrika im Land ankamen: Alle flüchten vor den Zuständen in dem Nordafrikanischen Land, das zunehmend von rivalisierenden Milizen zerfleischt wird.

Es gibt zahlreiche Berichte von Folter und Misshandlungen in Libyen, in besonderem Maße gegen Schwarzafrikaner. Frauen werden zwangsprostituiert, Männer unter sklavenähnlichen Zuständen zur Arbeit gezwungen, alle sind der Willkür der Milizen und bewaffneter Libyer ausgesetzt. Hunger, Entführungen und Misshandlungen stehen auf der Tagesordnung. Oft werden die Männer, Frauen und Kinder mehrmals weiterverkauft, bevor sie schließlich auf die Schlauchboote kommen. Viele tragen Narben von körperlichen Misshandlungen auf ihrer Haut, alle wurden in Libyen Zeugen oder Opfer brutalster Gewalt und werden wohl ihr Leben lang ein Trauma mit sich führen.

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8. Jeder verdient Rettung aus Seenot

Und das ist nicht nur ein Slogan: Seenotrettung ist eine menschenrechtliche und völkerrechtliche Verpflichtung. Durch seerechtliche Abkommen haben sich Staaten weltweit dazu verpflichtet, Menschen in Seenot zu retten. So steht in Art. 98 des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (SRÜ): „Jeder Staat verpflichtet den Kapitän eines seine Flagge führenden Schiffes, jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten“. 

Die Politik der EU schafft es nur unzureichend seiner Verpflichtung nachzukommen, wodurch die Zivilgesellschaft in die Pflicht kommt. Zahlreiche europäische Initiativen haben es sich deswegen zur Aufgabe gemacht, dieses Staatsversagen durch eigenen Einsatz auszugleichen. Wer sich über ihre Arbeit informieren möchte, hier ein paar der nichtstaatlichen Rettungsorganisationen im Mittelmeer: SOS Mediterranee, Jugend Rettet, Sea Watch und Open Arms. 

Auch der Einsatz von Ärzte ohne Grenzen ist essentiell für die Rettungseinsätze im Mittelmeer, an denen die Organisation auch direkt mit drei Schiffen (eines in Kooperation mit SOS Mediterranee) beteiligt ist. 


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Junge Westafrikaner bei der Registrierung, direkt nach der Rettung


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Drei Frauen genießend die Sonne am Tag nach der Rettung an Deck des Rettungsschiffes Aquarius



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