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Mittwoch, 13 April 2016 13:27

Der DDR-Dampfer: Ein Notruf in der Nacht

 

 

Im zweiten Teil der Serie "Der DDR-Dampfer" geht es richtig zur Sache: Die MS Ronneburg erhält mitten in der Nacht einen Notruf von einer Yacht. Sie hat bereits Schlagseite wegen eines Lecks und ihre Pumpem funktionieren nicht. Da müssen Offiziere und Besatzung schnell reagieren. Falls ihr den ersten Teil verpasst habt, klickt hier: Auf Großer Fahrt

 

Wir schreiben Dienstag den 24. Januar, MS „Ronneburg“ befindet sich mit einer Ladung Kaffee und Baumwolle aus El Salvador und Nicaragua vom Pazifik durch den Panamakanal kommend auf dem Weg nach Bremen. Wir passieren am Morgen die Inseln Kuba backbords und Haiti steuerbords. Die See ist etwas aufgewühlt, der Seegang beträgt etwa Stärke 2-3, wir schlingern mit einer Geschwindigkeit von ca. 10,5 Knoten gen Heimat! Der Tag verläuft wie jeder andere auf See, der Tagestörn der Decksgang lärmt mit seinen Nagelpistolen, die Maschinencrew schmiert und fettet die Jockel und die Wirtschaft zaubert wieder mal in der Kombüse, der Rest der nichtstuenden Besatzung verbringt die Freiwache mit Schlaf oder Briefe lesen vom letzten Landkontakt (Balboa – Panama).


Am Abend wird das Wetter etwas schlechter, der Wind frischt auf und die Wellen haben jetzt auch schon eine Höhe von 1-2 Meter erreicht. Gegen 20. 00 Uhr gehe in in meine Koje und lass mich in den Schlaf schaukeln denn ich habe mit dem II. Offizier die Wache von 00.00 – 04.00 Uhr.

 

22.55 Uhr – ich werde unsanft vom wachhabenden Matrosen mit den Worten „…Ole, los raus! Wir haben einen Notruf empfangen!“ geweckt. Schlaftrunken, nehme ich schnell meine Katzenwäsche und renne den Gang entlang zu meinem Spind um meine Arbeitssachen anzuziehen. Ich war noch nie in einer solchen Situation, jemandem auf hoher See helfen zu müssen. Meine Gedanken kreisen nur darum, was es wohl für ein Schiff sei, wie schwer ist der Schaden und ob wir es auch schnell genug erreichen. Erst jetzt bemerke ich, dass der Seegang zugenommen hat, dass unser Schiff stampft und krängt.

23.10 Uhr – ich melde mich vorschriftsmässig auf der Brücke. Meine Augen haben Mühe, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich bemerke aber, dass schon allerhand Trubel ist auf der Brücke. Ich höre den Kapitän, den Second und unseren Politoffizier. Dann kommt auch schon die Anweisung des Kapitäns an mich „…übernehmse mal das Ruder von Automatik auf Hand!“ Da wir das einzige in der Nähe befindliche Schiff sind, ändern wir unseren Kurs und fahren jetzt mit allem was die Maschine hergibt in Richtung des Havaristen. Nachdem ich jetzt mit der Hand das Schiff steuere, kann ich auch dem Funkverkehr folgen. Erst jetzt bekomme ich mit, dass der Notruf von einer unter amerikanischer Flagge fahrenden Segelyacht mit 5 Mann Besatzung gesendet wurde. Wie groß der Schaden ist, können wir noch nicht in Erfahrung bringen.

23.15 Uhr – Jetzt ist auch unser Chiefmate und der Funker auf der Brücke. Der Kapitän informiert über Funk die amerikanische Küstenwache über unsere Position und das wir unseren Kurs geändert haben und nun in Richtung Havaristen unterwegs sind. Nach vielen Verständigungsschwierigkeiten wissen wir jetzt auch, dass es sich um die Segelyacht „DRUMMER“ mit Heimathafen Fort Lauderdale in Florida handelt. Der von mir abgelöste Wachmatrose muss jetzt den Bootsmann, den Eisbär und den Storekeeper wecken.

01.50 Uhr – es ist Stockdunkel, nicht mal der Mond scheint. Jetzt heisst es verschärft Ausguck halten, denn wir sind schon in der Nähe des Havaristen, wir können ihn im Radar sehen. Erst jetzt erfahren wir, dass die Yacht kompletten Maschinenausfall hat, langsam Wasser eindringt und bereits Schlagseite hat. Es besteht also akute Lebensgefahr für die Besatzung, 2 Männer 2 Frauen und ein Kind.

02.40 Uhr – Wir müssten laut Radar ca. 1 -1,5 Seemeilen vom Havaristen entfernt sein. Wir können ihn aber nicht sehen. Die Blicke werden immer angestrengter, vom Radar in die Nock zum Ausguck und umgekehrt.

03.00 Uhr – Jetzt sehen wir auch ein Licht in der Ferne. Das ist er! Wir fahren jetzt mit „Halbe Voraus“ in Richtung des Lichtes. Der Bewegung des Lichtes zu urteilen, hat die Yacht ganz schön zu kämpfen gegen die Wellen.

03.10 Uhr – Wir sind da. Die Maschine wird gestoppt. Nach kurzer Beratung der Offiziere mit dem Bootsmann und dem Storekeeper, ist man zu der Ansicht gekommen, dass wir nicht näher an die Yacht fahren können und ein Rettungsboot ausgesetzt werden muss. Jeder Seemann, der schon einmal ein Rettungsbootsmanöver erlebt hat, weiß, dass es nicht einfach ist bei ruhiger See die beiden Haken gleichzeitig zu slippen. Wir haben aber jetzt Wind und eine Wellenhöhe von ca. 2 – 4 Metern. Ich bin heilfroh, dass ich am Ruder bleiben kann und nicht mit in die Nussschale steigen muss! Da sich unser einziges Motorgetriebenes Rettungsboot auf der Steuerbordseite befindet, dreht der Kapitän das Schiff so in den Wind, dass nun die Lee-Seite auf Steuerbord ist.


03.15 Uhr – Das Rettungsboot wird bis zum Brückendeck weggefiert. Nun steigen Chiefmate Eisbär, der Storekeeper, und 2 Matrosen mit jeder Menge Werkzeug und Decken in das Boot. Keiner weiß in welchem Zustand sich die Besatzung der Yacht und das Schiff selbst befindet. Beim wegfieren schlägt es immer wieder gegen das Schiff. Der gefährliche Teil, das slippen der Davidshaken funktionierte sehr gut. Auf dem Wellenkamm und nach einem lauten Schrei-Kommando des Chiefmates lösten sich beide Haken gleichzeitig.

03.30 Uhr – Das Rettungsboot verschwindet in der Dunkelheit. Der Koch ist von mir geweckt worden, um warme Getränke vorzubereiten und für die Yachtcrew fertigzumachen.

03.40 Uhr – (Die folgenden Berichte sind alle dem Funkverkehr zwischen Rettungsboot, Segelyacht und Frachtschiff entnommen) Die Rettungsbootsbesatzung ist an der Yacht angelangt. Eine Welle hebt unser Rettungsboot auf das Deck der Yacht, so das die Reeling total zerstört wird. Alle Besatzungsmitglieder der „DRUMMER“ werden sofort an Bord des Rettungsbootes geholt. Völlig durchnässt und unterkühlt werden sie in Decken gehüllt zur „Ronneburg“ gebracht.

04.00 Uhr – Während sich das Rettungsboot langsam zum Mutterschiff begibt, versuchen unser Eisbär und Storekeeper, das Leck zu schliessen und die Maschine in Gang zu bringen. Wir reichen den Havaristen nochmehr Decken und Getränke. Leider können sie nicht auf unser Schiff, da der Seegang zu heftig ist und wir nicht riskieren wollen, dass jemand von der Jakobsleiter stürzt. Das Rettungsboot selber, mit den darin befindlichen Havaristen und Besatzungsmitglieder soll auf Anweisung des Kapitäns in der Nähe der Yacht bleiben, so das unsere kleine schaukelnde Nussschale wieder in die Dunkelheit abdreht.

04.10 Uhr – Ich bin nun schon 4 Stunden ununterbrochen am Ruder, ständig müssen wir unseren Kurs korrigieren um nicht auf die Yacht aufzulaufen und einen sicheren Abstand zu halten. Es ist ziemlich anstrengend sich in der Dunkelheit zu orientieren und zu konzentrieren.

04.30 Uhr – Es scheint aussichtslos, der Storekeeper und der Eisbär informieren uns über Funk, dass der Schaden doch größer sei. Über Funk aus dem Rettungsboot informiert uns der Chiefmate, dass der Skipper der „DRUMMER“ uns bittet, die Yacht an den „Haken“ zu nehmen und nach Florida zu schleppen. Es folgt ein kategorisches „No, Sir it is impossible…“ unseres Kapitäns. Wir haben ja auch einen Termin in Bremen. Das Angebot unseres Kapitäns, die Yacht mit Besatzung nach Bremen zu nehmen, wird dankend abgelehnt.

05.00 Uhr – Die Warterei nimmt keine Ende, unser Rettungsboot fährt in gebührendem Abstand mit den Besatzungsmitgliedern der havarierten Yacht um die „Drummer“ herum, während Eisbär und Storekeeper trotz der kalten Nacht ganz schön ins Schwitzen kommen.

06.00 Uhr – Es dämmert und so langsam kommt die Sonne am Horizont hervor, jetzt kann ich auch sehen, wie sehr die Yacht Schlagseite hat und das es wohl höchste Zeit wurde, dass jemand dem verunglückten Schiff zu Hilfe kam.

06.30 Uhr – Das unendliche Warten zehrt an den Nerven. Der Kapitän fragt alle 10 Minuten, wie denn der Stand der Havariebehebung sei und immer wieder die gleiche Antwort „…Leck ist abgedichtet, aber Lenzpumpen funktionieren noch nicht!“

07.40 Uhr – Nach unendlichen Versuchen das Aggregat der Yacht wieder in Gang zu bekommen um das Wasser zu lenzen und das Schiff so einigermaßen Seetüchtig zu machen, hören wir nun über Funk ein befreiendes „…wir haben`s geschafft, Käpt`n!“. Die Yacht liegt nun auch wieder ohne Schlagseite im Wasser.

08.00 Uhr – Die Besatzung der „DRUMMER“ wird an Bord der Yacht gebracht und verabschiedet sich mit müden aber glücklichen Gesichtern.

08.10 Uhr – Das Rettungsboot wird gehievt und es steigen völlig übermüdete aber glückliche Besatzungsmitglieder aus, sie alle dürfen noch einmal über Funk die Glückwünsche der „DRUMMER“ entgegennehmen. Alle fünf Besatzungsmitglieder stehen nun an Deck der Yacht und winken dem langsam abdrehenden Frachtschiff hinterher. Wenig später bedankt sich auch die amerikanische „COAST GUARD“ bei der Besatzung von MS „Ronneburg“ mit den Wünschen für eine allzeit gute Fahrt.

 


Wer nun denkt, nach dem Frühstück, gab es für die Rettungsbootsbesatzung Freizeit, denn schliesslich waren sie ja seit 02.00 Uhr wach, der irrt. Die Anordnung des Kapitäns lautete, es geht alles seinen normalen Tagesablauf. Ja, das Leben auf See war noch nie ein Zuckerschlecken!


Ich habe auch den entsprechenden Artikel über diese Rettungsaktion aus unserer Schiffspresse. Aber wie so einiges, was in unseren Zeitungen damals stand, ist hier auch nur die halbe Wahrheit abgedruckt worden. Denn die Besatzung des Havaristen befand sich zu keiner Zeit an Bord unseres Schiffes, obwohl wir dies gern gesehen hätten. Schon allein wegen des Kindes und der Frauen - Und die Sache mit den heißen Getränken wurde auch erst ausgeführt, nachdem ich unseren Kapitän mehrmals darum gebeten hatte.

Ja, und Kuba haben wir auf dieser Reise nur einmal gesehen, nämlich auf unserer Seekarte...

 

ddr dampfer

 

Den Orginaltext findet ihr, wie bereits beim vorherigen Teil, auf Oles Webseite: Seefahrt24 

Schaut doch mal vorbei!

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