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Dienstag, 29 Dezember 2015 07:54

Tagebuch eines Kadetten - Eintrag 8

 

Wir haben Paramaribo auf einem Ostkurs verlassen, und wenden uns nach einer kurzen Seereise schon wieder dem südamerikanischen Festland zu: Unser nächster Zielhafen liegt einige Meilen im Landesinneren, den Grenzfluss zwischen Suriname und Französisch Guyana hinauf - durch den dichten Dschungel.

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Teil 8 - Welcome to the Jungle

Als ich aufwache und gewohnheitsmäßig vor dem Frühstück an Deck gehe, sehe ich unsere Isolde auf eine Flussmündung zusteuern. Da bereits aus der Ferne dichter Dschungel ausmachbar ist, beschließe ich das Frühstück zu verschieben und setze mich mit einer Tasse Earl Grey, mit viel Milch und Zucker, in die milde Morgensonne. Ich habe es mir im Bug des Schiffes bequem gemacht, um dem Lärm der Maschine zu entfliehen. Bereits nach wenigen Minuten nähert sich jedoch ein immer lauter werdendes Knattergeräusch, und ein Blick über die Reling zeigt mir den Übeltäter: Ein kleiner Einbaum mit Außenbordmotor nähert sich, drei Personen an Bord. Einer einen langen Holzstab und Schlapphut, die anderen unauffällig. Der mittlere ist weiß, wohl Franzose nehme ich an. Fischer schließe ich aus, und da sich das Boot immer weiter nähert wird es sich wohl um den Lotsen handeln. Ich eile also zurück zum Heck und wechsele in meinen Arbeitsoverall um ihn zu empfangen. Der Bootsmann hat inzwischen schon die Lotsenleiter vorbereitet und wir nehmen den Franzosen an Bord. Obwohl der Fluss relativ breit ist, halten wir uns sehr dicht am linken Ufer. Mit einem beherzten Sprung würde man leicht zwischen einem der dort eng gedrängten Bäume landen. Oder gegen einen.

 Tagebuch eines Kadetten - Der Dschungel Französisch Guyanas

Der Fluss bildet die Grenze zwischen französisch Guyana auf unserer und Suriname auf der rechten Seite. Auf keiner von beiden ist bis jetzt jedoch Besiedelung auszumachen, und lediglich das Vorhandensein eines Mobilfunknetzes zeugt von Zivilisation. Wir lassen einen kleinen Zufluss links liegen und sehen schließlich die ersten Menschen. Sie sind alle auf dem Steg eines Pfahlhauses, das eingerahmt ist von lianenbehangenen Urwaldriesen. Sie machen keinen sehr freundlichen Eindruck, und ein dunkelhäutiger, bärtiger Mann zieht mit seinen Händen eine Schlinge um seinen Hals und deutet auf die Mannschaft an Deck. Die Filipinos lachen verunsichert und antworten mit nicht minder unfreundlichen Handzeichen, während sich unser Schiff weiter den Fluss hinaufarbeitet. Er ist nun breiter und anscheinend auch tiefer geworden, denn wir fahren nun relativ zentral und sehen wie sich uns ein weiter, seeähnlicher Abschnitt nähert. Am linken Ufer öffnet sich der Blick auf eine kleine Stadt, das gegenüberliegende Ufer in Suriname ist noch spärlicher besiedelt. Zwischen den beiden herrscht ein reger Verkehr kleiner Holzboote, ähnlich dem unseres Lotsen. Wir reduzieren unsere Geschwindigkeit und lassen sie passieren. Langsam nähert sich nun der einzige Dock von Saint Laurent du Maroni, und wir beobachten wie dort ebenso gemächlich einige Hafenarbeiter auftauchen um unsere Leinen entgegenzunehmen. Alles verläuft reibungslos, und nach Ausbringen der Gangway kommen als Erstes zwei Zollbeamte an Bord, braungebrannte Europäer mit akzentfreiem Französisch. Als größtes Überseegebiet der Europäischen Union genießt französisch Guyana einen Sonderstatus mit allerlei Vergünstigungen und Steuererleichterungen. Das verhindert zwar nicht seine relative ökonomische Schwäche im europäischen Vergleich, macht es aber zu einer Oase des Wohlstands im Gegensatz zu seinen Südamerikanischen Nachbarn. Und somit zu einem beliebten Ziel für illegale Einwanderer. Wie jedoch die unzähligen Kleinboote, die zwischen Suriname und Saint Laurent verkehren, überwacht werden bleibt mir schleierhaft. Wir jedenfalls werden den üblichen Kontrollen unterzogen, und inzwischen ist auch der Agent an Bord. Er ist zuständig für die landseitige Organisation der Ladeoperation. Nachdem er alles Wichtige mit der Schiffsführung besprochen hat, bleibt er kurz an der Gangway stehen, wo unser Maschinist gerade auf dem Weg an Land ist. Direkt neben dem "Hafengelände" befinde sich ein Einkaufszentrum, links die Straße herunter gehe es zum Ortszentrum. Ob es gefährlich sei? Eigentlich nein, aber den Fluss überqueren sollten wir auf keinem Fall.

 

Flussfahrt
Einige Meilen den Fluss hinauf sehen wir die ersten Anzeichen von Menschen: Eine kleine Hütte
"ein dunkelhäutiger, bärtiger Mann zieht mit seinen Händen eine Schlinge um seinen Hals und deutet auf die Mannschaft an Deck"
Der Liegeplatz
Unsere Isolde hat sicher festgemacht, während die Abendsonne sie in ein schönes Licht taucht
Liegelatz, Blickrichtung Dschungel
Liegplatz, Blick in Richtung der Siedlung
Saint Laurent du Maroni

 

Ich muss jedoch, genau wie der Rest der Crew, an Bord bleiben. Der Zeitplan ist mal wieder eng, und gerade am Ende der Tour durch die Karibik ist die Zeit besonders knapp. Da landseitig keinerlei Ladeeinrichtungen vorhanden sind, müssen wir das Löschen mit unseren Bordkränen vornehmen. Also zuerst Lukendeckel öffnen, Zwischendecks verschieben und dann die Ladungssicherungen lösen. Danach geht es ans eigentliche Entladen, mit unserem Bootsmann als Kranführer. Dank der hoch stehenden Nachmittagssonne ist die kleine Krankuppel wie ein Treibhaus, und Ronaldo sitzt bis auf die Unterhose entkleidet, schwitzend an den Hebeln. Bagger für Bagger wird ohne Zwischenfälle an Land befördert, dann jedoch gibt es erste Probleme. Wir bekommen die Löschvorrichtungen nicht unter einen LKW, dieser muss zuerst ein Stück nach vorne gefahren werden. In den vorherigen Häfen hatten das die Hafenarbeiter erledigt, ausgerüstet mit einer Starterbatterie. Ohne diese jedoch bewegt sich das Gefährt keinen Zentimeter, und auch an Land kann uns keiner helfen. Es ist inzwischen Abend, und der zuständige Arbeiter ist bereits zu Hause. Nach einigem Hin und Her, und einer damit einhergehenden Verschnaufpause, finden sich doch noch zwei Leute, die ihr Glück versuchen wollen. Und nachdem auch noch ein Starterset aufgetrieben ist, springt der LKW endlich an und wir haben den ersten Laderaum geleert. 22:00 Uhr. Nun bereiten wir den nächsten Laderaum für den kommenden Tag vor, und gegen Mitternacht haben wir endlich die letzten Holzbalken von Lukendeckeln an Land befördert. Jetzt schnell duschen und ins Bett, in fünf Stunden geht es weiter. Der Sonnenaufgang ist traumhaft, und tröstet etwas über den Schlafmangel und das viel zu hastig eingenommene Frühstück hinweg. Der Bootsmann verschwindet wieder im Kran, und weiter geht der Spaß.

Tagebuch eines Kadetten - Frachter im Dschungel

Das Holz von gestern wird nun für die Atlantiküberfahrt unter Deck gestaut um Wasserschäden zu verhindern, und auf die Lukendeckel sollen Container. Nur hat der Hafen leider keine Gabelstapler, um die Container in Reichweite unseres Kranarmes zu bewegen. Wir verlängern also die Leinen am Haken des Krans und ziehen die Container ans Schiff heran, bevor sie angehoben und geladen werden. Irgendwann tauchen dann doch zwei Gabelstapler auf, und die restlichen Container werden zügig geladen. So sind wir bereits Sonntagmittag fertig, obwohl erst Montag für die Abfahrt geplant war. Da hat wohl unser erster Offizier etwas zu viel Stress gemacht. Den Auftraggeber, der anders als wir nicht mit Schlafmangel und schmerzendem Rücken dafür bezahlen muss, freut das natürlich. Der Lotse wird für 1500 bestellt, und wir folgen dem Flusslauf zurück zum Meer. Die Landschaft können wir dieses Mal nicht genießen. Im nächsten Hafen muss der Laderaum komplett gesäubert sein, wir laden alle Räume voll mit Reis für Europa. Also geht es rein in den Laderaum, weiterabeiten. Als auch das erledigt ist, fallen wir alle in einen tiefen Schlaf. Nur der Kapitän, der fast den kompletten Sonntag mitgearbeitet hatte, bleibt wach. Einer muss schließlich das Schiff steuern. Kurs Richtung Norden, vorbei an der Küste Surinams und zurück nach Georgetown Guyana. 

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