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Montag, 14 Dezember 2015 09:17

Weihnachten auf See: Plastik, Dosenbier und Heimweh

Bilder: Stefan Menzel

 

Weihnachten - das bedeutet normalerweise Geschenke, leckeres Essen, und ein paar gemütliche Tage im Kreise der Familie. Auf See bedeutet es bestenfalls einen freien Nachmittag; und den Versuch des Koches, ein passables Weihnachtsessen zu zaubern.

Bereits einige Tage vor Weihnachten kündigt sich Veränderung an Bord an: Bruno, unser eifriger Decksmann aus Ghana, hat die Weihnachtsdeko unter den Bänken der Messe entdeckt. Ein Plastikweihnachtsbaum, Pappteller mit Schneemännern, sowie meterlange Glitzergirlanden.

Es ist mein erstes Mal auf See, und mir steht die zweite Queerung der Biskaya bevor. Wie beim ersten Mal soll es auch diesen Dezember wieder ziemlich stürmisch in dieser berüchtigten Bucht werden - doch nachdem sich mein Magen nach einer Woche unangenehmer Eingewöhnungsübelkeit beruhigt hat, sehe ich dieser Herausforderung relativ gelassen entgegen. Was Weihnachten noch an Überraschungen für mich bereithalten sollte, ahnte ich jedoch noch nicht.

Girlanden und Weihnachtsbaum werden jedenfalls zügig aus den blauen Müllbeuteln gepackt, in denen sie 360 Tage auf ihren Einsatz gewartet hatten, und in der Messe verteilt. Dort bleiben sie jedoch nicht lange, denn der Kapitän betritt gerade den Raum: "Alles wieder einpacken, was soll denn das!" Da ist wohl einer mit dem falschen Fuß aufgestanden. Andererseits hat er natürlich Recht. Er ist der Kapitän, und Bruno hatte in seinem Eifer ganz vergessen ihn um Erlaubnis zu fragen.

Am Abend des 23. Dezember ist die Messe dann schließlich doch geschmückt - in meinen Augen sieht es zwar mehr aus wie die Dekoration für einen Kindergeburtstag, aber dem Rest der Crew scheint es zu gefallen: Der Plastikweihnachtsbaum steht in der Ecke vor dem Fernseher, und ist ebenso zugeklatscht mit kitschigen Glitzergirlanden wie der gesamte Ess- und Pausenbereich.

Ins Bett gehe ich, genauso wie wohl die restliche Besatzung, mit gemischten Gefühlen. Morgen ist Weihnachten, doch außer für den Koch, der bereits ab Mitternacht in der Küche steht um ein Weihnachtsessen zu zaubern, steht für alle ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag an. Für den nächsten Hafen muss der Laderaum rechtzeitig gewaschen und getrocknet werden, wir laden Kunstdünger. Die Zeit ist wie immer knapp, da ist kein Platz für solchen Luxus wie einen freien Weihnachtstag. So liegen wir alle in unseren schmalen Betten, und denken an Weihnachten Zuhause. In Ghana, Russland oder Deutschland, wo wir so gerne bei unseren Familien wären. Wo wir morgen früh aufstehen, die letzten Geschenke verpacken, und dem Weihnachtsabend entgegenfiebern würden. Hier fiebert lediglich unser Maschinist dem morgigen Tag entgegen, er liegt mit einer Grippe flach. Und so lassen wir uns alle von einem langsam aufkommenden Sturm in einen unruhigen Schlaf wiegen, und träumen von Zuhause.

Der 24. Dezember beginnt genauso stürmisch wie der 23. Dezember aufgehört hatte, und die Messe begrüßt uns zum Frühstück ohne Plastikweihnachtsbaum: Sein Ständer konnte den harten Rollbewegungen in der Nacht nicht standhalten, und einmal losgerissen, hatte er mittelstarke Verwüstungen in unserem Pausenraum angerichtet. Wir essen schweigsam unsere allmorgendlichen Frühstückseier und steigen in den stickigen Laderaum, wo wir den ganzen Tag mit seiner Reinigung von der letzten Reisladung beschäftigt sind. Besondere Freude bereiten uns dabei aufgequollene Reisreste in Ritzen und Laschlöchern, die uns einen unvergleichlich beißenden Gestank bescheren.

Wer nach Feierabend eine besinnlichere Bescherung erwartet hatte, wird in der Messe nur mäßig enttäuscht. Uns frischgeduschte und für unsere Begriffe schick angezogene Seemänner (ich sehe einige Besatzungsmitglieder zum ersten Mal in etwas anderem als Arbeits- oder Jogginghose) überrascht ein neue-aufgestellter Weihnachtsbaum, inklusive Glitzerbehang, sowie ein sehr reichhaltiges Weihnachtsessen. Nur Geschenke suchen wir vergeblich.

Ein riesiger Truthahnbraten, Gänsebrust, Schweinesteak und Rinderbraten, sowie allerlei kleine Leckereien; da hat unser Koch ausnahmsweise einmal ganz tief in seine Trickkiste (bzw. Tiefkühltruhe) gegriffen. Die ohnehin bereits gelockerte Stimmung wird noch besser, als der Kapitän mit zwei Kartons Bierdosen die Messe betritt: "Merry Christmas gentlemen, how's the food?"

Die Besatzung der MV Esperanza ist nun vollzählig versammelt, was ich nach zweimaligem durchzählen zweifelsfrei feststelle. Der Kapitän geht nach einem kurzen Antrinken auf diesen besonderen Tag jedoch wieder pflichtbewusst auf die Brücke, während wir uns weiter den Festschmaus mit Dosenbier schmecken lassen. Während die Bäuche voller und die Teller leerer werden, steigt nicht nur Dank des Dosenbiers die Stimmung stetig an. Im Fernseher ist das Menü der Weihnachts-CD unseres Koches zu sehen, in dem neben englischsprachigen Klassikern auch ein paar deutsche Weihnachtslieder auftauchen. Und zwischendrin, völig fehl am Platz, Chart-Hits aus den 90ern und frühen 2000er Jahren.

 

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Weihnachtsdekoration an Bord der MV Esperanza

 

Als der Kuchen serviert wird - ein buntes Ungetüm, innen treifend von Zucker und Schokoladenmasse, aussen dick eingedeckt mit Zuckerguss und Lebensmittelfarbe - wechselt das Fernsehbild auf einen ziemlichen freizügigen Trashfilm. Ohne viel Handlung, dafür mit umso mehr nackter Haut.

So genießen wir, gut unterhalten in unserer bunt-kitschig geschmückten Messe, die Kombination von Dosenbier und Torte, während unser Schiff unter leichten Rollbewegungen unserem nächsten Hafen entgegenstampft. Morgen ist wieder Arbeitsalltag angesagt, aber bis dahin haben wir noch ein paar Stunden. Zwar kein klassisches Weihnachten, geschweige denn ein besinnliches, aber doch etwas besonderes.

Aber nächstes Weihnachten, so wünschen wir uns alle, sind wir hoffentlich wieder Zuhause.

 

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Die Crew der MV Esperanza, wenige Tage vor Weihnachten

 

Allen Lesern von nauteo wünschen wir eine besinnliche (Vor-) Weihnachtszeit, wir versuchen euch auch über die Feiertage weiterhin mit den aktuellen News rund ums Meer und die Seefahrt zu versorgen. Und denkt daran: Sharing is caring ;)

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