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Donnerstag, 22 Oktober 2015 09:49

Tagebuch eines Kadetten - Eintrag 7

 

Hier klicken für den vorherigen Teil des Tagebuches, solltet ihr in verpasst haben: Rattenblech und Blechbüchse


 

 

Teil 7 - Blackwater

An Bord unterscheiden wir unterschiedliche Wasserleitungstypen, welche farblich unterteilt sind. Grün- Grau- und Schwarzwasser. Grünes ist Trinkwasser, Grauwasser ist Abwasser von Spülen, und Schwarzwasser ist Abwasser der Toiletten. Das Wasser des Suriname River, den wir wenige Meilen hinauffahren um unseren Liegeplatz in Paramaribo zu erreichen, ist bräunlich. Nach Regenfällen etwas aufgewühlter als sonst, aber die Farbe bleibt in diesen unteren Teilen des Flusslaufes dieselbe. Direkt neben unserem Liegeplatz befinden sich zwei Fischereianleger, mit je knapp 20 Booten, die in den frühen Morgenstunden von ihren Fahrten heimkehren. Dann bestücken sie die wartenden Kleinlastwagen asiatischen Ursprungs und chinesischer Eigner mit Frischfisch. Nach dem Löschen der Fracht steht die Morgentoilette an. Direkt von der Bordwand. Sowohl das große als auch das kleine Geschäft wird so direkt in den Fluss abgegeben. Privatsphäre scheint dafür nicht nötig zu sein. Danach werden Gesicht und Hände gewaschen, mit demselben Wasser. Und wenige Meter weiter ist ein Fischerkollege dabei, sich die Zähne mit ebendiesem zu reinigen. Egal ob Schwarz- oder Grauwasser, auf jedem Fall ist es Abwasser. Aber immerhin wirkt der Fluss noch sauberer als der in Georgtown.

Auch das Wetter bleibt zunächst freundlicher, zum Unmut der Crew. Die genießt nämlich in ihrer Freizeit den Luxus eines kostenlosen WiFi-Zugangs von der Firma, die wir mit Weizen und Sojamehl aus Belgien beliefern. Und da bei Regen der Löschvorgang eingestellt werden muss, wird dieser sehnlichst herbeigewünscht um den Zugang zum WWW möglichst lange zu erhalten. Der nächste Hafen würde das nicht bieten können. Am dritten Tage dann erfüllte sich unser Wunsch. Mit mächtigem Blitz und Donner brach ein tropisches Unwetter über uns herein. Wir mussten nicht nur das Entladen einstellen, sondern leider auch unsere Internetaktivitäten. Ein Blitz hatte das Firmengebäude getroffen und zu einem Kurzschluss geführt, der uns vom Strom und somit auch vom kabellosen Internetzugang abschnitt. Nun hatten wir also die erhoffte Verzögerung, jedoch ganz anders als gewollt. Auch meine Pläne einen Naturpark zu besuchen waren somit hinfällig, da auch der nächste Tag von drohend schwarzen Wolken beherrscht wurde. Die Stadt Paramaribo hatte ich mir bereits am ersten Tag angesehen. Schichtbedingt während der heißen Mittagszeit. Viele schicke Holzhäuser im kolonial angehauchtem Stil, eine wunderschöne hölzerne Kathedrale (renoviert mit EU-Geldern) und die holländischen Straßennamen zeugen vom europäischen Erbe der Hauptstadt Surinams. Die Unmengen an Kasinos und Chinashops zeugen von Gegenwart und Zukunft, die nur auf den ersten Blick glamouröser erscheint. Der Taxifahrer erzählt, die Casinos sollten Touristen locken, und haben Paramaribo den Titel "Las Vegas Südamerikas" eingebracht. Die Mengen an zahlungskräftigen Ausländern blieben jedoch aus, und so verzocken hauptsächlich Hausfrauen und Familienväter ihr Haushaltsgeld und Gehalt dort. Die chinesischen Geschäfte bieten eine große Bandbreite an Waren, es gibt sowohl Supermärkte als auch Klamottenläden. Zweitere mit vielen Markenklamotten, von Burberry über Polo bis hin zu Louis Vuitton. Die Echtheit darf in vielen Fällen jedoch angezweifelt werden. Das lokale Bier,  Parbo, trägt die Adjektive "justitia, pietas, fides" im Logo.  Das Wappen Surinams. Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Treue. Und obwohl die Hersteller dem Grundrezept für Bier: Wasser Malz und Hopfen nicht treu blieben, schmeckt es gar nicht mal so übel. Jedenfalls für ein nicht-deutsches Bier.

 

Ladeoperationen 24/7 via Saugrüssel: Wir beliefern eine lokale Großbäckerei
Unsere Nachbarn am Fischereidock haben bei Sonnenaufgang Hochbetrieb
Einsetzende, starke Regenschauer zwingen uns am zweiten Tag die Löschoperationen anzuhalten.
Am Abend nach dem Starkregen beschert uns der Himmel über Suriname ein zauberhaftes Farbenspiel
Landgang 1: Paramaribo wird nicht umsonst das Las Vegas Südamerikas genannt... Kasinos stehen hier an jeder Ecke
Landgang 2: Der Duft prall gefüllter Mangobäume

 

Unsere Bordküche wird derzeit von den Früchten angereichert, die wir auf dem bunten Markt in Georgtown ersteigert hatten. Besonders die pappig süßen Mangos haben es mir angetan, und ich bin dazu übergegangen die Früchterationen meiner Kollegen gegen Pepsidosen einzutauschen. Zwei Mangos für eine Dose. Wenn wir das nächste Mal auf einem Markt sind werde ich mir einen eigenen kleinen Vorrat anlegen.

Bis jetzt ist mein Kühlschrank gefüllt mit einer Dose Parbo, Süßigkeiten, und einem dicken Paket Medikamente und Schmerzmittel. Ich wohne immer noch im Hospital des Schiffes, sonst würde ich auch nicht in den Genuss dieses Kühlregals kommen. Die Medikamente lasse ich natürlich unangetastet. Das Bier, außer an freien Tagen, ebenso. Anders als auf manchen Schiffen herrscht an Bord zwar kein generelles Alkoholverbot, da unser Kapitän aber ein ausgesprochener Gesundheitsfanatiker ist, verabscheut er Rauchen und Trinken. Was den positiven Effekt hat, dass alle sich in diesen Bereichen einschränken. Außer an den Karaokeabenden. Aber bis der nächste ansteht, müssen wir uns bis zur Atlantiküberfahrt gedulden. Die Wochenenden im Hafen werden durchgearbeitet.

In Paramaribo scheint jedoch eine Ausnahmeregelung zu gelten, denn nachts verschwinden Kapitän und erster Offizier mehrmals in Richtung Innenstadt. Dass sie dort eher dem Nachtleben als dem kulturellen Angebot zugetan waren, zeigt die dicke Sonnenbrille die unser Kapitän, trotz starker Bewölkung, am nächsten Tag trägt. Auch ihm scheint das Bier hier zu schmecken.

Das Löschen unserer Weizen- und Sojaladung läuft zwar 24 Stunden am Tag, aber sehr gemächlich. Das liegt an der schwachen landseitigen Einrichtung, die mit einem dünnen Rüssel die Ladung aus unserem Schiffsbauch entfernt. Zudem sorgt schnell und heftig einsetzender Regen mindestens einmal täglich für längere Unterbrechungen. Meistens kommt er abends, was mir immer eine langweilige Nachtwache beschert. Sechs Stunden nur dem Plätschern des Wassers lauschen. Die sechs Stunden tagsüber waren da deutlich angenehmer. Zwar musste hier parallel zum Löschen der Laderaum gesäubert werden, diese leichte Arbeit war mir aber lieber als stundenlanges Nichtstun. Auch Dank des gnädigen Wetters, welches die unbarmherzig brennende Sonne meist verdeckte.

Dank der wetterbedingten Verzögerungen blieben wir länger als erwartet, und so opferte ich eine weitere Ruhepause für einen Landgang. Außer den nächtlichen Trips von Kapitän und Offizier, sowie Ausflügen zum nahen Supermarkt der restlichen Crew, scheinen weder die Osteuropäer noch die Filipinos ein gesteigertes Interesse am Kennenlernen unserer Liegeorte zu haben. Während ich zu meiner Fahrt in das Stadtzentrum noch den Maschinisten mitschleifen konnte, steige ich nun alleine in das gerufene Taxi. Im Internet hatte ich von einem Naturpark sehr nahe am Stadtzentrum gelesen, Peperpot. Bereits auf dem Weg dorthin warnt mich jedoch der Taxifahrer vor einem Reinfall, und dort angekommen stellt sich heraus, dass die "historische Kaffeeplantage" bewohnt ist, und die Bewohner das Vorhandensein der im Internet angepriesenen Tierwelt nicht bestätigen können. Das Geld gibt es trotzdem nicht zurück. Und da ich bereits im Taxis sitze, beschließe ich kurzerhand in das nächstgelegene Dorf zu fahren, wo sich ein Fort aus niederländischer Besatzungszeit befindet. Der Taxifahrer ist von dieser Entscheidung sehr angetan. Nachdem ein Festpreis für die nächsten vier Stunden ausgehandelt ist, fahren wir in Richtung "Niew Amsterdam" und dem dortigen Freilichtmuseum. Das Museum selbst ist empfehlenswert und informativ, und die hübsche Empfangsdame geizt nicht mit Erklärungen. Viel mehr genoss ich jedoch die malerische Landschaft in die das Fort gebettet ist, und verbrachte einen Großteil meiner Zeit damit der Stille zu lauschen, und im Schatten von prall gefüllten Mangobäumen ihren Duft tief einzuatmen. Wenn ich etwas an Bord vermisse, dann ist es Zeit in der Natur zu verbringen. Natürlich fehlt mir auch meine Familie und Freunde, aber Dank sozialer Netzwerke und Diensten wie Skype oder Vyber ist es, soweit Internetzugang vorhanden ist, sehr leicht Kontakt zu halten.

Sogar in unserem nächsten Zielhafen, mitten im Dschungel Französisch Guyanas, gab es Zugang zum WWW. Wenn auch keinen sehr guten: Welcome to the Jungle

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