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Mittwoch, 02 September 2015 09:26

Tagebuch eines Kadetten - Eintrag 6

 

All die den letzten Tagebucheintrag verpasst haben, bitte hier klicken: Seamans Life


 

Rattenblech und Blechbüchse

Die Ankunft in Georgetown, der Hauptstadt des Südamerikanischen Landes Guyana, verschob sich immer tiefer in die Nacht. Der Lotse, den wir kurz vor der Küste aufgenommen hatten, wollte die steigende Tide abwarten, um kein unnötiges Risiko bei der Einfahrt einzugehen. Angekommen war er in einem langsamen Bötchen, das weder die korrekte Lichterkennung noch die nötige Leistung eines ordentlichen Lotsenbootes hatte. Nachdem es irgendwie doch geschafft hatte zu unserem Schiff längsseits zu kommen, humpelte unser Lotse Harry an Bord und ich führte ihn auf die Brücke. Wir schlichen nun gemächlich mit der Tide in Richtung Hafen, und konnten beobachten wie das Wasser immer dreckiger wurde, während uns mehrmals Fischerboote gefährlich nahe kamen. Die Luft war trotz des bereits zwei Stunden zurückliegenden Sonnenunterganges noch geschwängert von Wasserpartikeln, und der geringe Fahrtwind den unsere ca. 7 Knoten Geschwindigkeit erzeugte, schaffte wenig Abhilfe.

Die Lichter werden schließlich immer heller, und uns steigen seltsame Düfte in die Nase. Ich bin inzwischen wieder auf dem Vorderdeck, um die Leinen vorzubereiten, und neben dem Geruch von altem Obst, Fisch und Fleisch, mischt sich auch ein beißender Rauchgeruch zu dem Strauß olifaktorischer Erlebnisse. Neben dem nahenden Markt, der sich beim Näherkommen als wohl vormals ziemlich ansehnliches Kolonialgebäude herausstellt, ist noch reger Betrieb. Musik und laute Stimmen sind zu hören. Außerdem gelegentlich der knatternde Außenbordmotor eines der sehr nahe an uns passierenden Holzboote. Die natürlich allesamt ohne Beleuchtung fahren, womit sie schwer ausmachbar sind. Wir passieren weitere Duftwolken und mehrere Terminals, bis wir schließlich unsere Fahrt weiter reduzieren und an einem Kai festmachen.

Er ist stark beleuchtet und von zwei Reihen Stacheldraht umzäunt. Entweder hier wird etwas sehr kostbares verladen, oder diese Gegend ist nicht gerade sicher. Da wir nur Reis laden werden, und wir später zwei bewaffnete Wachleute bekommen, ist es eher zweiteres. Die eine ist eine sehr fest gebaute Frau, die ihre Pistole unter einer blauen Uniform verbirgt. Der andere hat ein abenteuerlich anmutendes Gewehr an der Seite baumeln, das ich ihm beim Besteigen unserer Isolde abnehme, da er über eine schmale Holzplanke an Bord balancieren muss. Dieses Schrotgewehr hat den Begriff Blechbüchse wahrhaft verdient, aber Cully versichert mir, dass es funktionieren würde.

Nach dem Festmachen hatte ich, wie in jedem Hafen, die Rattenbleche angebracht. Das sind viereckige Schablonen, die über die Seile gesetzt werden, damit keiner der kleinen Nager über die Festmachleinen an Bord gelangen kann. Was ich bis jetzt für relativ unnötig gehalten hatte. Hier jedoch war ich sehr froh, dass wir die Bleche angebracht hatten, denn während meiner Nachtwache sah ich ständig kleine dunkle Schatten um einem halb zerfetzten Reissack herumschleichen. Das Wasser bot im Licht der Scheinwerfer keinen besseren Anblick, neben allerlei Plastikmüll, Obstresten und gelegentlichen Colaflaschen trieben auch mehrere aufgequollene Fisch- und Tierkadaver umher, was den Fäulnisgeruch des brachigen Gewässers erklärt. Stromaufwärts, so versichert mir jedoch Cully später, würde das dreckige Braun in ein tiefes Schwarz wechseln, was auf bessere Wasserqualität hindeutet. Gebadet wurde in der Brühe am kommenden Tag trotzdem, nur wenige Meter von unserem Liegeplatz entfernt. Die Bewohner Georgetowns sind, was Dreck angeht, wohl ziemlich abgehärtet. Cully wird dennoch nicht müde, die schönen Seiten seiner Heimat anzupreisen. Regenwald, kaum gefährliche Krankheiten, keine Wirbelstürme. Und eine der größten Holzkirchen der Welt, die St. Georgs Cathedral im Stadtzentrum. Nur wenige Minuten von unserem Liegeplatz entfernt.

 

 

In der Zufahrt zu unserem Liegeplatz steht eine der zahllosen Geruchsquellen, die der Stadt ihre einzigartige Note verleihen: Eine Müllverbrennungsanlage
Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses: Eines der vielen Wracks
Alltag am Containerdock
Alltag in Georgetown: Stacheldraht...
... und Waffen. Hier die Blechbüchse unseres Wachmanns...
...der den Großteil seines Arbeitstages in der Hängematte verbringt.
Aber die Stadt hat auch viele schöne Seiten: Hier ein Fischmarkt, direkt hinter unserem Terminal
Und nicht zuletzt der Farbenprächtige Markt, der sich über mehrere Straßen und innerhalb eines alten Kolonialbaus ausbreitet

 

Auf dem Markt und den umliegenden Straßen herrscht auch während der brutalen Mittagshitze immer ein buntes Treiben. Mein erster Anlaufpunkt ist das "Swiss House", wo ein Schild mit den großen roten Buchstaben "Cambio", also Wechselstube, davorsteht. Es liegt fast direkt neben dem Markt, und somit nahe an unserem Liegeplatz. Ich wechsele erst einmal nur 20 €, was mir ca. 5000 Guyana Dollar beschert. Unser Koch, mit dem ich zusammen unterwegs bin, tauscht gleich 100 $ und läuft daher mit einem dicken Bündel Geld aus Stube. Wir verlassen den angenehm klimatisierten Raum und schlendern zunächst etwas durch die umliegenden Straßen. Sie sind vollgepackt mit hupenden Autos und Kleinbussen, die Gehsteige ebenso voll von Menschen. Einige nicht weniger lärmend. Neben den lautstark ihre Ware anpreisenden Verkäufern und dem Verkehr ertönt noch an jeder zweiten Ecke laute Musik, zumeist Dancehall. Was ich als Liebhaber dieser Musikrichtung sehr zu schätzen weiß und somit die sonstigen Geräusche leicht überhören kann. Gerade läuft ein älterer Song von Vybz Kartel. Meist ist die Quelle ein kleiner Musikladen, die uns schon beinahe antiquiert vorkommenden CDs scheinen hier noch ihre Daseinsberechtigung zu haben. Zudem stoßen wir immer wieder auf zweirädrige Wägelchen mit Dach und einem dicken Soundsystem. Meist geschoben von einem gut gelaunten Rastafarai. Im Schatten eines Supermarktes sehe ich dann die mobilen Wechselstuben. Drei große schwarze Männer mit dicken Bündeln Guyana Dollars, behangen mit Goldketten und anderen Symbolen von Wohlstand. Inklusive eines üppigen Bauchspecks und falscher Ray Ban. Und einer kann sogar mit einem fast komplett goldenem Gebiss aufwarten. Aber gewechselt haben wir ohnehin bereits, deswegen bewegen wir uns wieder in Richtung Fluss, denn dort liegt unser Schiff. Und der Markt. Bereits von weiten kann man ihn an seiner Turmuhr erkennen. Es ist ein Gebäude im Kolonialstil, und sieht von außen nicht allzu heruntergekommen aus. Im Inneren ist der Verfall deutlicher, hier gibt es jedoch so viel zu sehen, dass man darauf kaum achtet. Dicht an dicht stehen hier Stände mit Fleisch, Obst, Gemüse. Außerdem Friseure, Musikläden, Elektroshops und – ganz wichtig – Nagelstudios. Wir haben das Ziel vor allem frisches Obst und Gemüse zu kaufen, da unsere Vorräte während der Überfahrt zur Neige gegangen sind. Die Wahl fällt mir schwer, alles duftet und sieht lecker aus, aber der Koch steuert gezielt auf bestimmte Verkäuferinnen zu und kauft alles Nötige. Und einige Extras. Es ist nämlich gerade Mangosaison, und da ich ihm beim Tragen helfe kauft er eine ordentliche Menge meines Lieblingsobstes. Sie sind deutlich kleiner als die aus deutschen Supermärkten, faseriger, und schmecken tausendmal besser. Auch die Gurken unterscheiden sich von unseren, sie sind nur ca. ein Drittel so lang wie europäische und etwas dicker. Nachdem wir alles haben machen wir, bevor wir an Bord zurückkehren, einen kleinen Abstecher in den Supermarkt. Für Privateinkäufe. Ein Studienkollege, der vor einiger Zeit auf derselben Route unterwegs gewesen war, hatte mir wärmstens empfohlen nach dem guyanischen Rum "El Dorado" Ausschau zu halten, und tatsächlich steht er hier im Regal. Der Preis ist für die lokalen Verhältnisse ziemlich hoch, doch ich gönne mir den Luxus. 2800 Guyana Dollar. Zumindest einmal probieren möchte ich ihn. Da schon wieder das Wasser an Bord knapp ist, packe ich den Rest meines Rucksacks sowie zwei Plastiktüten voll mit Wasserflaschen. Aus dem Wasserhahn des Schiffes zu trinken wurde zwar von unserem Kapitän für unbedenklich erklärt, da aber mehrere Crewmitglieder seitdem unter Bauchschmerzen klagten, sorge ich lieber für meinen eigenen Vorrat.

Vor Eintritt in das Hafengelände erfolgt wie immer Ausweis- und Taschenkontrolle, dann geht es durch ein dunkles, muffiges Terminalgebäude zu unserer Pier. Hier ist es tagsüber noch lauter als auf dem Markt. Rasende Gabelstapler scheinen Jagd auf nichtsahnende Fußgänger zu machen, die sich durch lautes Brüllen bemerkbar machen. Insgesamt wird hier viel geschrien, teils aufgrund des Lärms der Kräne, LKWs und Gabelstapler. Teils auch einfach so. Wir tasten uns also vor in Richtung Gangway, und sind froh unbeschadet in die Kühle unseres Wohnraums verschwinden zu können. Zwei Stunden Schlaf und dann müssen wieder alle an Deck. Bevor der Lotse kommt muss das Deck wetterfest verschlossen und unsere Kräne gesichert werden. Nächstes Ziel ist Paramaribo, Suriname: Blackwater

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