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Samstag, 18 November 2017 08:47

Traum-Studium-Nautiker: Ein Faktencheck - Das Geek-Gen



Piratengeschichten aus der Kindheit, der Traum von Freiheit und Abenteuer - so naiv das auch klingen mag: dies waren die ersten Anziehungspunkte für mich, mir eine Karriere als Seefahrer näher anzusehen. Nach einem Infotag an einer Seefahrtschule in Ostfriesland war ich dann auch endgültig überzeugt. Gutes Gehalt, die Welt sehen, viel Urlaub. Fast zu schön um wahr zu sein.

Sechs Jahre später, zwei Jahre nach meinem Abschluss, wage ich einen Faktencheck. Wer aus meiner Abschlussklasse fährt noch als Nautischer Wachoffizier zur See, auf welchen Schiffen, in welchem Fahrtgebiet - und was macht der Rest? Der Realitätstest eines Kindheitstraumes.


Im ersten Serienteil hatten wir von Wilkos Karriere auf Kreuzfahrtschiffen, im zweiten Teil von Inkas Rolle als Schiffsoffizierin bei Hapag Lloyd gesprochen. Diese Woche nimmt uns Phil mit auf seinen Ausflug in die Nautik, die ihn über einen Umweg vielleicht doch wieder ans Steuer von den großen Pötten bringen könnte - wenn auch anders als geplant.



nauteo: Als kleiner Junge liebte ich die Piratengeschichten meines Vaters vor dem Einschlafen zu hören, und diese waren es die mich letztendlich auf See zogen. Was brachte dich zur Seefahrt?

Antwort: Wie bei dir, hat mein Vater auch eine entscheidende Rolle gespielt. Er ist ein wirklich begnadeter Segler und man könnte meinen das in seinen Adern Salzwasser fließt. Dementsprechend musste dieses maritime Wissen auch an seine Kinder weitergegeben werden. Die Grundaffinität war also gegeben. Nach einem recht mauen Abitur hatte ich jedoch keine festen Ziele. Ich wusste nur: „Keine Schule mehr“ - Da kam mir der Zivildienst wirklich recht. Keine Hausaufgaben, kein Lernen, einfach Arbeiten. Aber das war natürlich nicht erfüllend. Also musste eine Karriere-Idee her… Nur was? Als Heranwachsender im Herzen des Ruhrgebietes gibt es so gut wie keine Berührungspunkte mit der internationalen Seefahrt. Deshalb war der maritime Sektor auch nie wirklich ein potenzieller Arbeitgeber für mich. Das alles änderte sich jedoch mit einem Berufsberatungsgespräch beim Arbeitsamt. Die damalige Sachbearbeiterin hatte bereits Erfahrungen mit der Seefahrt gemacht und ihr war klar: Der Lütje muss an Bord.


nauteo: Ähnlich wie Inka aus unserem ersten Interview, hast du dich frühzeitig für eine Karriere bei Hapag Lloyd entschieden. Welche Vorteile hatte das?

Antwort: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich nicht aktiv für Hapag-Lloyd entschieden habe. Damals hatte ich keine Ahnung von irgendwelchen Reedern oder Schiffstypen. Ich kann mich noch dran erinnern das ich mich unheimlich über eine Absage von Beluga geärgert habe. Denn die waren ja als Ausbildungsunternehmen sogar ausgezeichnet worden! Aber den Rest der Geschichte kennt man ja… Im Nachhinein war Hapag-Lloyd ein Sechser im Lotto. Der Ausbildungsstandard gehört international zu dem Besten was man sich vorstellen konnte. Einen sicheren Arbeitsvertrag und die Möglichkeit auch in den Semesterferien flexibel zu fahren rundeten das Gesamtpaket natürlich ab. Zehn Tage nach meinem Abschluss stand ich bereits als junger Offizier auf der Brücke. Unbefristeter Vertrag, deutsche Flagge und Bezahlung nach HTV. Man kann zu Hapag-Lloyd stehen wie man will, aber das war spitze.

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nauteo: Wenn du daran denkst, was du zu Beginn des Studiums von einem Leben als Seefahrer erwartet hast: Deckt sich das mit deinem Alltag auf dem Schiff? Was hattest du dir anders vorgestellt?

Heute würde ich sagen, meine Vorstellungen zum Seemannsleben waren schon sehr realistisch. Aber wie bei allen Dingen muss man einige Erfahrungen erst selber machen. Es ist schon ein Unterschied zu „wissen“ das man Nachts arbeiten muss und dann aber wirklich um zwei Uhr im Regen auf Manöverstation steht. Es sind eher die Kleinigkeiten die auffallen. Nach einer langen Fahrt im Supermarkt endlich wieder das Lieblingsessen einzukaufen. So große Glücksgefühle hatte ich dann doch nicht erwartet.


nauteo: Wem würdest du empfehlen es mit einer Karriere auf See zu versuchen, wem nicht? Was macht deiner Meinung nach einen guten Offizier aus?

Antwort: Ich empfehle jedem der mit dem Gedanken spielt zur See zu fahren es auszuprobieren. Das Leben auf See ist so speziell und vielfältig, dass man im Vorfeld nicht sagen kann ob es was für einen ist oder nicht. Es gibt natürlich gewisse Attribute die einem für die Seefahrt zugänglicher machen. Gute Englischkenntnisse erleichtern allen Personen an Bord den Alltag. Pflichtgefühl und eine gewisse Gelassenheit sind von Vorteil, der Rest kann erlernt werden. Strebt man eine Karriere als Offizier oder Ingenieur an sollte man auf jeden Fall noch Charakterstärke und eine Portion gesundes Selbstbewusstsein mitbringen. Im Extremfall hängen an einer Entscheidung mehrere Menschenleben. Von den unvorstellbaren Sachwerten und Umweltschäden mal abgesehen. In den Jahren als Seemann sind mir viele unterschiedliche Offiziere und Kapitäne begegnet. Einige gut, andere nicht so sehr. So vielfältig die verschiedenen Charaktere auch waren, eins hatten die Guten gemein. Man agierte in einer Arbeitsatmosphäre in der Fehler dafür da waren aus ihnen zu lernen und nicht dafür bestraft zu werden. Versteh mich bitte nicht falsch. Fehler zogen immer Konsequenzen mit sich, aber nie sinnlose Bestrafung oder Demütigungen. Das krasse Gegenteil habe ich mal auf einer sehr anstrengenden Fahrt erlebt. Für jede Kleinigkeit hat man immer sofort einen ordentlich auf den Deckel bekommen. Zur Not auch vor versammelter Mannschaft. Irgendwann fragt man nur noch: „Wie Löse ich dieses Problem ohne Ärger zu bekommen.“ Aber eigentlich müsste die Frage doch lauten: „Wie löse ich dieses Problem am besten?!“


nauteo: Deine Karriere als Offizier hast du inzwischen an den Nagel gehängt. Warum? Und was machst du jetzt?

Antwort: Das ist vollkommen richtig. Nachdem ich bei Hapag gekündigt hatte, bin ich zurück an die Uni gegangen. Aktuell studiere ich Informatik mit dem Schwerpunkt auf Software Engineering und parallel mache ich meinen Master in „International Maritime Management“. Auch wenn zwei vollkommen eigenständige Studienfächer eine extreme Arbeitsbelastung darstellen läuft es überraschend gut. Mit dem Master werde ich im kommenden Sommer fertig sein und das Informatikstudium wird dann auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Gründe die Seefahrt an den Nagel zu hängen sind recht komplex. Auf der einen Seite war ich mit der Bezahlung und der Arbeit per se zufrieden. Auf der anderen Seite machte mir die Zeit getrennt von meiner Familie und Freunden immer mehr Probleme. Paradox erscheint es, dass die immer engere Beziehung mit meiner Freundin die ganze Situation noch verschärfte. Urlaub war keine Erholung mehr. Bereits Wochen vor dem nächsten Einsatz drehten sich die Gedanken nur noch um die Arbeit. Aus Unbehagen wurde Heimweh und aus Heimweh, Stress. Es musste sich was ändern. Aber eine sichere Karriere bei Hapag-Lloyd aufgeben?! Das muss wenigstens gut geplant werden. Also fing ich an so viel Geld wie möglich zur Seite zu legen und recherchierte im Internet welche Studienfächer und Ausbildungen im Ruhrgebiet überhaupt angeboten werden. Heute bereue ich nur, dass ich so lange gezögert habe.


nauteo: Bereust du denn deine Entscheidung Nautik studiert zu haben?

Antwort: Pauschal, nein! Ich würde die Frage aber gerne aufteilen. Das Nautik-Studium bereue ich dahingehen, dass es zu viele verstaubte Studieninhalte und sinnlose Pflichtfächer gab. In der jetzigen Form wird es den komplexen Anforderungen der modernen Seefahrt meiner Meinung nach nicht gerecht. Das Kontrastprogramm erlebe ich aktuell an der Uni Duisburg/Essen. Gut ineinandergreifende Studieninhalte und ein hohes Lernniveau fordern ganz anders. Das macht natürlich wütend, dass die gegebenen Bildungseinrichtungen dort Potenzial liegen lassen und so das Deutsche „Maritime Know-How“ schwächen. Die insgesamt sieben Jahre auf See bereue ich aber nicht. Die Erfahrungen, Freundschaften und Erlebnisse werden immer ein Teil von mir sein. In so jungen Jahren bereits so viel Verantwortung auf seinen Schultern gespürt zu haben ist ein Privileg was nicht Jeder bekommt. So ganz abgeschlossen habe ich mit der Seefahrt dann aber auch nicht. Deshalb ist mir der kommende Master-Abschluss im Maritimen Management so wichtig. Informatik ist noch eher ein Hobby. Aber Seefahrt ist für mich Leidenschaft. Ich kann gut mit dem Gedanken leben, in 15 Jahren den Laptop aufzuschlagen und meine Flotte von autonom fahrenden Schiffen zu überprüfen, um danach mit den Kindern im Garten zu spielen. Denn eins ist sicher: Weniger Digital wird es nicht.


nauteo: Egal ob auf See oder an Land - ein starker Rückenwind tut immer gut. Aber auch eine steife Briese von Voraus kann ein gestandener Seemann ab, ob auf dem Wasser oder auf festem Grund. Viel Erfolg bei deiner neuen Karriere!


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