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Freitag, 03 November 2017 16:06

Traum-Studium-Nautiker: Ein Faktencheck - Der Kreuzfahrtoffizier



Piratengeschichten aus der Kindheit, der Traum von Freiheit und Abenteuer - so naiv das auch klingen mag: dies waren die ersten Anziehungspunkte für mich, mir eine Karriere als Seefahrer näher anzusehen. Nach einem Infotag an einer Seefahrtschule in Ostfriesland war ich dann auch endgültig überzeugt. Gutes Gehalt, die Welt sehen, viel Urlaub. Fast zu schön um wahr zu sein.

Sechs Jahre später, zwei Jahre nach meinem Abschluss, wage ich einen Faktencheck. Wer aus meiner Abschlussklasse fährt noch als Nautischer Wachoffizier zur See, auf welchen Schiffen, in welchem Fahrtgebiet - und was macht der Rest? Der Realitätstest eines Kindheitstraumes.


Im ersten Serienteil sprechen wir mit Wilko, der eine Laufbahn als Offizier in der Kreuzfahrtbranche begonnen hat. Was diesen Job so besonders macht, und wie der Alltag an Bord aussieht, erfahrt ihr hier:



nauteo: Als kleiner Junge liebte ich die Piratengeschichten meines Vaters vor dem Einschlafen zu hören, und diese waren es die mich letztendlich auf See zogen. Was brachte dich zur Seefahrt?

- Der Zufall! Eigentlich wollte ich immer Arzt werden, aber dann habe ich in Australien auf der STS Leeuwin angeheuert und ganz schnell wurden aus einer geplanten Woche auf dem Drei Master, der sozial benachteiligten Jugendlichen die Chance auf unvergessliche Erfahrungen bietet,  mehr als 5 Monate auf See. Da hatte es mich gepackt und ich habe beschlossen zu See zu fahren.


nauteo: Bereits während des Studiums hat sich bei dir abgezeichnet, dass du in den Bereich Kreuzfahrten gehen würdest. Was hat dich daran besonders fasziniert, auch im Gegensatz zur Frachtschifffahrt?

-Die Abwechslung und der Kontakt mit staunenden Menschen. Auf dem Frachter bin ich für viele Monate mit rund Zehn Nicht-Europäern in den Industriegebieten dieser Welt unterwegs - auf einem Kreuzfahrer kommen bei mir täglich strahlende Gäste auf die Brücke, fragen mich faziniert nach meinem Berufsalltag und dazu habe ich noch täglich ein Manöver in einer neuen Stadt! Oder wie es in meinem Falle ganz häufig vorkommt, ein Ausbooten in ganz extremen Regionen unserer Erde, wie auf einer Eisschole in der Antarktis mit Adeliepinguinen, auf einem Südseeatoll oder einem Fjord auf Spitzbergen nördlicher als 80°N... . Kein Tag ist wie der andere und ich werde dafür bezahlt durch die Brückenfenster das zu sehen, wofür andere sehr viel Geld bezahlen. Ein absoluter Traum!


nauteo: Wenn du daran denkst, was du zu Beginn des Studiums von einem Leben als Seefahrer erwartet hast: Deckt sich das mit deinem Alltag auf dem Schiff? Was hattest du dir anders vorgestellt?

-In Teilen, denn Anfangs hat man doch nur entfernte Vorstellungen vom reellen Berufsalltag. Die pure Seefahrtsromantik, wie sie in der Kreuzschifffahrt verkauft wird, gibt es nicht mehr. Der Beruf findet heutzutage mehr als die Hälfte am Rechner statt und das Ausfüllen von Formularen und Checklisten für Sicherheit, Navigation und Einklarierung ist zur Lasten der reinen Fahrwache geworden. Mein Alltag ist sehr abwechslungsreich, da ich neben der Fahrwache, die bei uns fast immer aus Manövern, Ansteuerng, Revier- oder Eisfahrten besteht, auch viel im Zodiac draussen bin, Routen vorbereite (und die ändern sich in der Expedition gefühlt fünf Mal am Tag...), Security-Drills durchführe und mich natürlich um unsere Gäste kümmere. Auf jeden Aspekt der unterschiedlichen Ränge kann man im Studium gar nicht vorbereitet werden, so arbeite ich im Alltag viel an der Papierseekarte, aber habe zum Beispiel mit Stabiltät gar nichts zu tun. 


nauteo: Wem würdest du empfehlen es mit einer Karriere auf See zu versuchen, wem nicht? Was macht die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff besonders?

-Eine Karriere auf See ist auf Frachtern und in der Kreuzschifffahrt vollkommen verschieden. Auf Kreuzfahrtschiffen hat man nicht den Nachteil der kleinen Crewstärke, aber man muss definitiv neben den eigentlichen "maritimen" Aufgaben sehr viele soziale und unterhaltsungsbezogene Fähigkeiten mitbringen. Als Offizier auf einem Kreuzfahrtschiff ist man auch immer ein Entertainer und Verkäufer, um die Reise für den Gast so gut wie möglich zu machen. Die technische Seite des Berufs ist absolut nicht zu vernachlässigen und der Wille auch mal anzupacken. Immer nur weiße Uniform ist ein Irrglaube - unser Chiefmate ist die Hälfte des Tages in jedem Winkel des Schiffes im Overall unterwegs. Und vor Arbeit zurück schrecken darf man auch auf keinen Fall. Feierabend gibt es nicht, man ist immer in Bereitschaft, Wochenende oder Feiertage, sowie 40 Stunden Wochen, sind Wünsche, die man sich für den Urlaub aufheben kann. Seemann sein heißt, einen Knochenjob ohne Pause monatelang mit Elan zu machen. Aber andererseits, ein Sonnenaufgang mitten im Pazifik oder das Rollen des Schiffes im Seegang, das findet man nur auf See.


nauteo: Wie lange bist du jedes Jahr auf See, wie lange Zuhause? Ist die Bezahlung in deinen Augen angemessen?

-Ich fahre in einer Drei-Monate-Rotation, habe also für jeden Tag auf See auch ungefähr einen Tag Urlaub an Land. Allerdings nicht unter Deutscher Flagge, also keinen deutschen Arbeitsschutz oder -sicherheit, und das merkt man absolut finanziell. Ich werde nur bezahlt, wenn ich arbeite, bin also halbjährlich arbeitslos. Und bei einer 90-100 Stunden Woche verdient der Ingenieur an Land im Jahr rund das Dreifache. Reich wird man in dem Beruf nicht, der Lohn ist die Möglichkeit die die Welt zu erkunden, Kulturen kennen zu lernen und zu lernen, mit Verantwortung umzugehen.


nauteo: Was ist deine Lieblingsroute mit dem Schiff? Was bereitet dir an Bord die meiste Freude?

-Absolut die Antartkis. Wir fahren im Winter von Argentinien via Falklands nach Süd-Georgien und besuchen dort hunderttausende Pinguine, Robben, Seebären und Wale. Danach geht es durchs Eis in die Weddelsee und entlang der Antarktischen Halbinsel - einfach ein unglaubliches Gebiet, mit riesen, eisverhülten Bergmassiven, gigantischen Gletschern und Eis bis zum Horizont. Das durchbrechen durch einjähriges, rund 1m dickem Eis, macht einfach nur Spaß. Wenn das Schiff von den Eismassen zur Seite gedrückt wird, und man mit Maschinenleistung und Ruderkraft gegensteuern muss, absolut die besten Momente in der Seefahrt. 


nauteo: Letzte Frage: Wie lange möchtest du zur See fahren und was kommt danach? 

-Ich wollte immer Kapitän auf der Queen Elisabeth werden - bis ich gelernt habe, dass ich dafür einen britischen Pass brauche. Na dann werde ich halt wo anders Kapitän!


nauteo: Wilko, danke für diesen Einblick in das Leben eines Offiziers auf dem Kreuzfahrtschiff. Wir wünschen dir weiterhin viel Freude bei der Arbeit, viele interessante Routen und gute Erholung an Land. Das nächste Interview machen wir dann, wenn du Kapitän bist ;)


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