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Samstag, 11 November 2017 08:17

Traum-Studium-Nautiker: Ein Faktencheck - Offizierin bei Hapag



Piratengeschichten aus der Kindheit, der Traum von Freiheit und Abenteuer - so naiv das auch klingen mag: dies waren die ersten Anziehungspunkte für mich, mir eine Karriere als Seefahrer näher anzusehen. Nach einem Infotag an einer Seefahrtschule in Ostfriesland war ich dann auch endgültig überzeugt. Gutes Gehalt, die Welt sehen, viel Urlaub. Fast zu schön um wahr zu sein.

Sechs Jahre später, zwei Jahre nach meinem Abschluss, wage ich einen Faktencheck. Wer aus meiner Abschlussklasse fährt noch als Nautischer Wachoffizier zur See, auf welchen Schiffen, in welchem Fahrtgebiet - und was macht der Rest? Der Realitätstest eines Kindheitstraumes.


Im ersten Serienteil hatten wir mit Wilko über seinen Job als Kreuzfahrtoffizier gesprochen. Für die Fortsetzung der Serie haben wir nun Inka eingeladen - das Postergirl der immer stärker vertretenen Gruppe weiblicher Schiffsoffiziere. In unserem Interview hoffe ich zu erfahren wie sie zur Seefahrt kam, inwiefern es eine Sonderposition ist als Frau zur See zu fahren, und wie sie ihre Zukunft in der Branche sieht.


nauteo: Postergirl der weiblichen Seeleute - nervt es dich, dass es in dieser Berufsgruppe noch immer einer besonderen Erwähnung bedarf, dass auch Frauen ihn ausüben? Hat sich in diesem bezug etwas geändert, seitdem du mit dem Studium begonnen hast?

-Ja! Und zwar allein aus dem Grund, dass Frauen schon viel, viel früher begonnen haben zur See zu fahren und dass das keine Erfindung der 80er und 90er Generationen ist. Darf ich an die vielen Funkerinnen erinnern? An die Stewardessen und Köchinnen und all die toughen Fischerfrauen aus der DDR? Wir sind keine Besonderheit. Allein die Männer an Bord machen uns dazu. Vielleicht bekam unsere Anwesenheit einen erneuten Besonderheitsstatus, als in den 90ern von komplett deutscher Besatzung auf asiatische Kollegen umgestellt wurde. „Against the Tide“ ist da eine wunderbare Facebook Seite, die weiblichen Seefahrern eine virtuelle Plattform gibt, allen zu zeigen, dass sie da sind. Darüber hinaus bin ich im Vorstand des Verbandes Frauen zur See tätig, der sich auf deutscher Ebene für eine Vernetzung von Seefahrerinnen einsetzt. Die Frauen auf See sollen eben nicht das Gefühl haben, alleine zu sein. Denn das sind wir nicht! 2012 waren wir von 30 Studienanfängern im Studiengang Nautik sogar 10 junge Frauen. Leider sind es im technischen Zweig weniger, aber das ist noch lange kein Grund, uns als eine Besonderheit zu sehen. Im Gegenteil. Immer wieder bekomme ich begeisternde Worte zu hören, dass die Frauen auf See einen besseren Job machen, als männliche Kollegen. Das spricht natürlich für uns. Wir sind zwar wenige, dafür fallen wir durch gute Arbeit auf. Wer wünscht sich das nicht ;) Den bösen Zungen, die jetzt meinen, wir Frauen hören dafür meist früher mit der Seefahrt auf, möchte ich auch diesen Zahn ziehen. Es hören beträchtlich mehr junge Männer auf als Frauen. Nur fallen auch hier wieder wir Frauen besonders auf, weil wir nicht ganz so zahlreich vertreten sind. 

Also, freut euch, wenn ihr das Glück habt eine Frau an Bord zu haben. Ihr werdet angenehm überrascht sein, wie angenehm das Bordklima  ist, und auch die Lotsen werden mit Sicherheit ein bisschen netter sein. Also hört doch auf, uns auf so ein Podest zu stellen.


nauteo: Als kleiner Junge liebte ich die Piratengeschichten meines Vaters vor dem Einschlafen zu hören, und diese waren es die mich letztendlich auf See zogen. Was brachte dich zur Seefahrt?

-Ich gebe es offen und ehrlich zu: Ich fahre zur See, weil ich das Traumschiff geliebt habe. Allerdings hat mir mein erstes Praktikum (auch 2009 schon über den VDR) einen ganz anderen, noch viel abenteuerlicheren Einblick in die wirkliche Seefahrt vermittelt. 10 Tage reichten aus, und ich war mit dem Seefahrtsvirus infiziert und konnte mir nichts anderes mehr vorstellen, als mit Overall an Deck zu turnen, jedes Fleckchen zu erkunden, mich mit Farbe und Fett vollzuschmieren, Container zu zählen (hehe) und von der Brücke aus den Blick über die Weite der Ozeane schweifen zu lassen. Heute hat sich das zwar etwas relativiert, aber in meinen Augen ist die Seefahrt neben der Knochenarbeit immer noch wahnsinnig romantisch. Wann habt ihr denn den letzten Brief per Hand geschrieben? Oder wer hat schon mal einen selbigen ins ferne Singapore hinterhergeschickt bekommen? 


nauteo: Bereits während des Studiums hat sich bei dir abgezeichnet, dass du bei Hapag Lloyd auf den großen Containerfrachtern fahren würdest. Viele deiner Studienkollegen taten sich schwerer dabei sich zu entscheiden, viele hatten nach ihrem Abschluss Probleme eine Anstellung zu finden. Was hast du richtig gemacht?

-Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht war ich einfach mit dem zufrieden, was mir angeboten wurde. Damals war es noch möglich, über die Reederei ein Stipendium zu bekommen. Als Gegenleistung verpflichtete man sich, nach dem Studium für Hapag-Lloyd zu fahren. Von Außenstehenden musste ich mir deswegen häufig unterstellen lassen, einen "Knebelvertrag" abgeschlossen zu haben. Damals wie heute sah ich darin aber meine Chance auf eine direkte Anstellung nach dem Studium. Und bis heute bin ich glücklich über diese Entscheidung, auch wenn ich mich damit für die eher „langweilige“ Containerfahrt entschieden habe.


nauteo: Wenn du daran denkst, was du zu Beginn des Studiums von einem Leben als Seefahrerin erwartet hattest: Deckt sich das mit deinem Alltag auf dem Schiff? Was hattest du dir anders vorgestellt?

-Nun, nach doch mittlerweile 2,5 Jahren an Bord stelle ich einfach fest, dass das Abenteuer weg ist. Es ist der Alltag, der sich auch in diesem Beruf einstellt. Natürlich auf einem anderen Niveau, das muss man schon sagen. Aber es ist nichts besonderes mehr, nach Asien zu fahren. Man kennt viele Teile der Welt, man kämpft sich durch die Fischerboote, man versucht immer wieder mit diversen Stevedors zu diskutieren, und man kennt auch einfach Singapur schon so gut, dass man dort nicht mehr auf Entdeckungstour geht, sondern eher Entspannung sucht. Es ist das Berufsleben mit all seinen Verantwortlichkeiten, wie es wohl auch jeder an Land kennt und erlebt. Der Unterschied ist aber, dass man hier nicht einfach nach Hause geht und hinter sich die Tür schließt. Man ist 24/7 im Dienst und nimmt somit auch Probleme oder berufliche Gedanken immer mit auf Kammer . Zum Abschalten kommt man eigentlich selten. Das war natürlich als Praktikant oder NOA anders. Auch was die Verantwortung angeht. Wie schwer die wirklich lastet begreift man erst in dem Moment, in dem man wirklich eine Position mit Verantwortung übernommen hat. Was das bedeutet bringt einem vorher niemand bei.


nauteo: Wem würdest du empfehlen es mit einer Karriere auf See zu versuchen, wem nicht? Was macht deiner Meinung nach einen guten Offizier aus?

-Ich würde prinzipiell jedem empfehlen, zur See zu fahren. Es ist ein fantastischer Beruf, und es gibt wenige Stellen, in denen man direkt nach dem Studium schon so viel Verantwortung übertragen bekommt und vor Herausforderungen gestellt wird. Allerdings muss dazu auch ein Umdenken in der Politik stattfinden. Es kann nicht sein, dass deutsche Seeleute auf dem Weltmarkt nicht mithalten können. Angesichts dieser undenkbar schlechten Berufsaussichten für deutsche Nautiker würde ich unseren Beruf nur denjenigen empfehlen, die einen sehr starken und eisernen Willen haben. Vor allem ist unser Beruf aber auch mit einer Menge Arbeit verbunden. Ein Schiff lebt nicht nur durch seine Fracht, sondern auch durch seine Instandhaltung. Pflege ich einen Neubau, kann ich darauf hoffen, dass er vielleicht länger als 20 Jahre hält. Dazu ist natürlich das Engagement aller gefragt, ganz egal bei welchem Wetter. Nichtstuer werden nicht toleriert. 

Ein guter Offizier ist meiner Meinung nach vielfältig. Natürlich musst du das nautische Einmaleins beherrschen. Aber es geht auch darum, ein gutes Arbeits- und Bordklima zu schaffen und die anderen zu guter Arbeit zu motivieren. Die Mitarbeiter müssen dahin gebracht werden, den Willen zu entwickeln und den Sinn zu verstehen, gute Arbeit zu leisten. Nur dann, wenn alle Hand in Hand arbeiten, kann der Schiffsbetrieb perfekt funktionieren. Aber es ist schon klar, dass ein zweiter Offizier das alleine nicht leisten kann. Da muss auch das Bordmanagement mithelfen. 


nauteo: Wie lange bist du jedes Jahr auf See, wie lange Zuhause? Ist die Bezahlung in deinen Augen angemessen?

-Die Länge der Einsätze richtet sich nach dem jeweiligen Service. Wir fahren meist eine oder zwei Rundreisen, das entspricht in etwa 3-4 Monate, und haben danach im besten Fall die gleiche Zeit Urlaub. Mal ist es länger, mal ist es kürzer. Das gilt dann auch für den Urlaub. Allerdings werden wir auch im Urlaub bezahlt, und das ist nicht selbstverständlich. Dem deutschen Arbeitsvertrag sei Dank; Wir müssen uns auch um Sozialabgaben, Krankenversicherung und Renteneinzahlungen keine weiteren Gedanken machen. Prinzipiell ist die Bezahlung nicht schlecht, allerdings würde man wohl für Landtätigkeiten bei gleicher Wochenstundenarbeit und Verantwortung (schließlich kutschieren wir Werte im Milliardenbereich durch die Welt) ähnlich bezahlt werden. Allerdings muss ich sagen, dass es wohl kaum eine andere Branche gibt, bei der die Anfangsgehälter so hoch liegen.


nauteo: Was ist deine Lieblingsroute mit dem Schiff? Was bereitet dir an Bord die meiste Freude?

-Unsere Schiffe fahren im Liniendienst. Das bedeutet, es gibt einen festgeschriebenen Fahrplan mit einer Abfolge von Häfen, die angelaufen werden. Da ist wenig Spielraum für große Abenteuer. Die meisten Umsätze finden auch nach wie vor auf dem asiatischen Markt statt, weswegen viele unserer Routen nach Ostasien führen. Eine große Herausforderung ist und bleibt dort der Fischerboot-Verkehr. Scheinbar aus dem nichts heraus erhellt sich der gesamte Horizont mit vielen kleinen, aber grellen Lichtern, bis schließlich auch der letzte schwarze Fleck ausgefüllt ist: eine riesige Armada von Fischerbooten in allen möglichen Größen und Varianten! Nun ist ein kühler Kopf gefragt, denn mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 18kn kann man schnell in eine kritische Situation kommen. Nicht einfach ist auch das Manövrieren durch viel befahrene Schiffahrtsstraßen wie die Straße von Singapore und Malakka oder durch den englischen Kanal. Ich liebe allerdings diese Herausforderungen und freue mich jedes Mal, wenn ich diese Strecken alleine fahren darf, ohne unter der ständigen Überwachung des Kapitäns zu stehen. Aber er weiß natürlich, dass ich mich sofort melde, sobald ich meine, seinen Rat zu benötigen. 

Mittlerweile arbeite ich auch eng mit dem ersten Offizier zusammen. Alles, was er oder sie tut und macht, interessiert mich. Ich möchte noch mehr darüber lernen, wie das Berufsbild des ersten Offiziers genau aussieht, damit auch ich in baldiger Zukunft einen höheren Rang bekleiden kann.


nauteo: Letzte Frage: Wie lange möchtest du zur See fahren und was kommt danach? 

-Das ist eine sehr schwierige Frage. Prinzipiell habe ich mir erst einmal kein Limit gesetzt. So lange ich noch Spaß an dem Beruf habe, werde ich weiterfahren. Allerdings sehe ich mich dort nicht bis ins Rentenalter. Es gibt viele Einbußen, die man hinnehmen muss., Vor allem die Tatsache, an Bord nicht „frei“ leben und sich entfalten zu können, wird mich irgendwann doch wieder zurück an Land treiben. 


nauteo: Danke dass du dir die Zeit genommen hast, uns einen kleinen Einblick in dein Leben als Offizierin zu geben. Wir wünschen dir allzeit gute Fahrt, und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.


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